Vet's Corner 1/2022

  • Lassen sich Fremdkörpererkrankung und Labmagenulcera in der Praxis anhand klinischer Symptome unterscheiden?
     
  • Welche klinischen und laborklinischen Parameter helfen bei der Prognose von festliegenden Kühen (sog. Downer-Cows)?


Antworten gibt's im ersten gemeinsamen Vet’s Corner von KGD und RGS!

---------

Diagnostic reliability of clinical signs in cows with traumatic reticuloperitonitis and abomasal ulcers.

Braun U, K Nuss, S Warislohner, C Reif, C Oschlies, and C Gerspach (2020)

BMC Veterinary Research 16: 359.

Die klinischen Symptome einer traumatischen Retikuloperitonitis (TRP; „Fremdkörpererkrankung“) und eines Labmagenulcus (LU) sind oft ähnlich, was die Diagnostik in der Praxis erschwert. Ziel dieser Schweizer Studie war es, die Häufigkeit einzelner klinischer Symptome bei Kühen mit TRP und Kühen mit LU zu vergleichen, um so ihre diagnostische Bedeutung abzuschätzen.

Dazu wurden die klinischen Befunde Rektaltemperatur, Herzfrequenz, Atemfrequenz, Verhalten, Anzeichen von Kolik, aufgekrümmter Rücken, Bauchdeckenspannung, Bruxismus, Episkleralgefässe, Pansenmotilität, Fremdkörpertests, Perkussionsauskultation, Schwingungsauskultation und Kotfarbe von Kühen mit traumatischer Retikuloperitonitis (TRP, n = 503) und Kühen mit Labmagenulcera (Typ 1: n = 94; Typ 2: n = 145; Typ 3: n = 60; Typ 4: n = 87; Typ 5: n = 14) erfasst und verglichen. Zudem wurden die diagnostische Sensitivität und Spezifität, positiver und negativer prädiktiver Wert sowie positive Wahrscheinlichkeit berechnet. Insgesamt 182 gesunde Kühe dienten als Kontrollgruppe.

Keine der Kühe in der Kontrollgruppe zeigte Anzeichen von Kolik, Pansenatonie oder Meläna. Zudem zeigten 99 % keine Abnormalitäten bzgl. Verhalten und Appetit, hatten eine Rektaltemperatur zwischen 38.6 und 40.0 °C, eine Herzfrequenz von unter 100 min-1 und eine Atemfrequenz von unter 55 min-1. Bei 95 % der Kontrolltiere wurde zudem weder ein aufgekrümmter Rücken noch Bruxismus festgestellt.

Viele Anzeichen wie ein leichter Anstieg der Rektaltemperatur, injizierte Episkleralgefässe und positiver Fremdkörpertest waren nicht diagnostisch wertvoll, da sie wiederholt sowohl bei gesunden als auch bei kranken Kühen auftraten. Gleichermassen war eine Differenzierung von Kühen mit TRP und LU anhand einzelner klinischer Symptome nicht möglich. Dafür waren stets eine detaillierte Anamnese und eine umfassende Beurteilung aller klinischen Befunde erforderlich.

Die Autoren folgern, dass nur die Summe mehrerer klinischer Befunde, wie abnormales Verhalten, Herzfrequenz > 100 min-1, Kolik, Pansenatonie, schwarzer Kot, aufgewölbter Rücken sowie Bruxismus verwendet werden können, um gesunde Kühe von Tieren mit TRP oder LU zu unterscheiden. Zudem erlaubten die untersuchten Parameter keine eindeutige Unterscheidung zwischen Tieren mit TRP und Kühen mit LU. Die Ergebnisse der vorliegenden Studie können dem Tierarzt dennoch als Leitfaden für das Vorgehen in der Praxis dienen.

----------

Survival and prognostic indicators in downer dairy cows presented to a referring hospital: A retrospective study (1318 cases).

Puerto-Parada M, M-E Bilodeau, D Francoz, A Desrochers, S Nichols, M Babkine, J C Arango-Sabogal, and G Fecteau (2021)

Journal of Veterinary Internal Medicine 35: 2534-2543.

Kühe mit Hypocalcämie bzw. Downer-Cow-Syndrom stellen den behandelnden Tierarzt immer wieder vor diagnostische und therapeutische Herausforderungen. Ziel dieser retrospektiven Studie aus Kanada war es, den Wert einzelner klinischer und laborklinischer Parameter für die Einschätzung der Prognose und damit die Erfolgsaussichte weiterer therapeutischer Massnahmen zu bestimmen. Dafür wurden die Ergebnisse von mehr als 1‘000 festliegenden Milchkühen ausgewertet, die zwischen 1994 und 2016 in eine universitäre Tierklinik in Montreal eingeliefert und dort behandelt wurden. Es wurden einfache und multivariable logistische Regressionsanalysen durchgeführt, um den Zusammenhang zwischen einzelnen Einflussfaktoren und dem Therapieerfolg zu bewerten.

Von den 1‘318 Kühen wurden 727 (55 %) Kühe gesund entlassen, während 591 (45 %) Kühe starben oder eingeschläfert wurden. Eine höhere Wahrscheinlichkeit, nicht zu überleben, hatten Kühe, die zum Zeitpunkt der Klinikaufnahme folgende Befunde aufwiesen: längere Liegezeit vor der Überweisung (≥ 7 Tage, Odds Ratio [OR] = 3.6), Tachycardie (100-120 min-1 , OR = 1.93; > 120 min-1, OR = 2.92), Tachypnoe (> 36 min-1, OR = 1.76), Hypothermie (< 38.2 °C, OR = 2.08), Anämie (Hämatokrit unter 26 %, OR = 3.30), Neutropenie (< 1‘100 Zellen µl-1, OR = 1.7), hohe Aktivität der AST (Aspartat-Aminotransferase; 500-1‘000 U/L, OR = 2.16; > 1‘000 U/L, OR = 6.69) und erhöhte Serumkonzentration von Creatinin (> 116 µmol/L, OR = 1.75). Die Harnstoffkonzentration und die CK-Aktivität hatten demgegenüber einen geringeren prognostischen Wert.

Die Ergebnisse können dem behandelnden Tierarzt helfen, die Behandlungsoptionen abzuwägen und zu entscheiden, ob eine Überweisung auf Grundlage der Erfolgsaussichten sinnvoll erscheint. Die frühzeitige belastbare Erkennung einer geringen Überlebenschance kann zusätzlich eine frühzeitige Entscheidung zur Euthanasie erleichtern.

zurück