Das August-Webinar der RGS: «Das Kalb von heute - die Kuh von morgen»

Bei der Premiere von unserem französisch sprachigen Webinar, waren die Zuschauer erstmalig direkt und live im Stall eines Landwirts mit dabei. Eine grosse Herausforderung für die Technik, die aber so gut gemeistert wurde, dass wir uns schon auf weitere Fortbildungen in dieser Form freuen. An dieser Stelle noch einmal ein herzlicher Dank an die beiden Betriebsleiter Jean-Baptiste Jeannerat und Yves Piqueret, die sich die Zeit genommen haben, uns Ihre Kälberhaltung vorzustellen!

Doch eines nach dem anderen: Zuerst hat uns Grégoire Theubet (Dr. med. vet. FVH SVW, seit 6 Jahren Partner bei Vétérinaires Mont-Terri Sàrl) die Theorie nähergebracht und sich dabei ganz klar für die ad libitum Tränke ausgesprochen. Wieso das?

  • Wir sind die «Programmierer» unserer Kälber, weil in den ersten zwei Lebensmonaten die sogenannte «metabolische Programmierung» erfolgt. Vereinfacht gesagt: Mit einer guten Versorgung früh im Leben wird dem Organismus mitgeteilt, dass genügend Ressourcen vorhanden sind und er wird darauf programmiert, später mehr zu produzieren. Das gilt für Milch und Fleisch.
  • Ad libitum getränkte Kälber zeigen bereits in den ersten Lebenswochen durchschnittliche Tageszunahmen von 700-1000 g. Das gilt auch für Holstein Kälber. Man geht davon aus, dass aktuell bis zu 50% der Schweizer Kälber in den ersten zwei Lebensmonaten mit Milch unterversorgt sind. Dies führt nicht nur zu schlechteren Leistungen, sondern auch kurzfristig zu erhöhter Krankheitsanfälligkeit und vermehrtem Verbrauch von Antibiotika.
  • Die ad libitum Tränke entspricht dem natürlichen Verhalten des Kalbes viel mehr, indem es häufig kleine Portionen trinken kann und so auch das Saugbedürfnis besser befriedigt wird.

Bei dem Konzept der frühen Programmierung darf das Kolostrum auf keinen Fall vergessen werden, denn das Kolostrum beeinflusst die Immunität und weitere Entwicklung des Kalbes auf komplexe Art und Weise. Es ist eine unschätzbare «Medizin» der Natur, die das Kalb unbedingt braucht. Grundsätze zum Kolostrum-Management kurz repetiert:

  • Kolostrum sollte direkt nach der Abkalbung gewonnen und möglichst früh getränkt werden.
  • Es sollte immer ad libitum getränkt werden und in den ersten 12 Stunden sollten mindestens 4 Liter aufgenommen werden. Bei unkompliziert geborenen Kälbern ist der Saugreflex 20-30 min nach Geburt am stärksten - und je mehr Kolostrum in den ersten Stunden aufgenommen wird, desto besser.
  • Wird weniger als 1 Liter selbständig aufgenommen, so sollte man das Kalb drenchen

Trotz der vielen erwiesenen Vorteile ist die ad libitum Tränke in der Schweiz noch nicht die Regel und es gibt viele Unklarheiten und offene Fragen. Einige davon konnten während des Webinars geklärt werden:

  • Ist es für das Kalb wirklich gesund, kalte Milch zu trinken?
    • Da die Kälber bei diesem System sehr langsam trinken, stellt die Temperatur kein Problem dar.
  • Man hat immer davon gesprochen, dass der Labmagen nicht mehr als 2 Liter fassen kann und bei grösseren Mengen die Gefahr des Pansentrinkens besteht – gilt das nun nicht mehr?
    • Neuere Studien haben gezeigt, dass der Labmagen durch Dehnung wesentlich grössere Mengen aufnehmen kann. Wenn das Kalb zudem von Anfang an weiss, dass jederzeit Milch zur Verfügung steht, so teilt es sich das selbst ein und auch hohe Mengen an Milch verursachen keine Probleme.
  • Bekommen die Kälber Durchfall, wenn sie so viel Milch trinken?
    • Ad libitum getränkte Kälber zeigen häufig etwas dünneren Mist, sind aber echtem Durchfall gegenüber resistenter. Die Menge, welche ein Kalb trinkt, kann stark variieren, beträgt aber im Mittel in den ersten Wochen ca. 10 Liter. Einzelne Kälber trinken bei freiem Angebot deutlich weniger, einzelne Kälber ohne gesundheitliche Probleme deutlich mehr.

Falls jetzt Ihr Interesse geweckt wurde, zum Schluss noch einige praktische Tipps zur Durchführung:

  • Die Eimer sollten einen Deckel haben, um eine Verunreinigung der Milch z.B. durch Fliegen zu verhindern.
  • Im Sommer sollte die Milch angesäuert werden, damit sie länger haltbar ist. Ein pH von 5.5 gilt als optimal. Es gibt dafür auch Produkte, die für Bio-Betriebe zugelassen sind. Eine Alternative ist die Joghurt Tränke.
  • Für die ad libitum Tränke wird eine Dauer von 3-5 Wochen empfohlen, danach werden die Kälber sukzessive abgesetzt.
  • Gleichzeitig sollte vom ersten Tag an Heu guter Qualität und Kraftfutter angeboten werden. Die Kälber fressen zwar evtl. noch nicht viel, doch sie gewöhnen sich bereits daran und werden später schneller grössere Mengen fressen. Zudem ist frisches Wasser für die Kälber unabdingbar.

à Detaillierte Anleitungen und Futterpläne können über info@kgd-ssv.ch bezogen werden.

Und der Betrieb?

Im zweiten Teil führten Jean-Baptiste Jeannerat und Yves Piqueret durch ihren Betrieb und beantworteten offene Fragen. Sie sind überzeugt von der ad libitum Tränke. Anfangs sei es noch etwas hart gewesen, die Milch den Kälbern zu geben, statt sie in die Käserei zu bringen. Doch es habe sich gelohnt, denn die Kälber seien deutlich vitaler, gesünder und wachsen viel schneller. Ihre Holstein Kälber verbringen die ersten Wochen in Einzeliglus und wechseln dann in eine Gruppenhaltung mit Tränkeautomat. Der Betrieb liegt in Clos-du-Doubs im Kanton Jura ganz nahe an der französischen Grenze. Im Winter wird es richtig kalt und die Bise bläst. Bei diesen Konditionen haben sich im Betrieb Kälberdecken bewährt.

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