Vet's Corner 11/2022

1 Studie

Fragestellung:

Stressbelastungen können Kälbern und Ferkeln im wahrsten Sinne des Wortes „auf den Darm schlagen“ – wissenschaftlich ausgedrückt entwickelt sich durch die erhöhte Permeabilität der Darmschleimhaut ein „leaky gut“. Kann man dieses Syndrom auch ohne Antibiotika bekämpfen?

DongCheol Song, JiHwan Lee, WooGi Kwak, MinHo Song, HanJin Oh, YongJu Kim, Jae-Woo An, SeYeon Chang, YoungBin Go, HyunAh Cho, HyeunBum Kim, JinHo Cho:
Stimbiotic supplementation alleviates poor performance and gut integrity in weaned piglets induced by challenge with E. coli. 

Animals 2022, 12, 1799. https://doi.org/10.3390/ani12141799 
Veterinary Recor Open 

Die Schleimhaut des Gastrointestinaltraktes repräsentiert eine Barriere, die die Aufnahme schädlicher Moleküle über das Epithel in die Blutbahn verhindert. Die Permeabilität des Darmes ist ein Index für die Integrität der Barriere. Unter dem Einfluss infektiöser wie nicht-infektiöser Faktoren ist die Permeabilität unphysiologisch erhöht – diese Situation wird als „leaky gut“ bezeichnet. Es gibt zahlreiche Hinweise, dass Stressoren (wie Transportbelastung, Hungern, Futterumstellungen, thermischer Stress) über eine Veränderung des intestinalen Milieus zu einem  „leaky gut“ führen, was die massive Vermehrung fakultativ pathogener Erreger und Enteritiden begünstigt. Als typische Beispiele gelten die gastrointestinalen Anpassungsstörungen von Kälbern in den ersten Tagen nach der Umstallung vom Geburts- auf den Mastbetrieb, aber auch Durchfall bei Absetzferkeln („post-weaning diarrhea“). Im Kontext mit der in allen Bereichen notwendigen Reduzierung des Einsatzes von Antibiotika wird intensiv nach Optionen gesucht, um die Stabilität des intestinalen Milieus und die Integrität der gastro-intestinalen Barriere in Belastungssituationen der Nutztiere zu verbessern.

Eine interessante und methodisch aufwändige experimentelle Studie aus Korea hat sich mit dieser Thematik beschäftigt. An 36 männlichen, abgesetzten Ferkel mit einem mittleren Gewicht von 8.5 kg  wurden die Effekte einer Challenge durch Verabreichung einer definierten Menge Shiga toxigenic Escherichia coli (STEC) geprüft und untersucht, ob die Supplementation der Ration der Ferkel mit Stimbiotika (einem Komplex aus Yylanase und Xylooligosacchariden) die negativen Effekte der STEC beeinflusst. Als Stimbiotika gelten dabei unverdauliche, aber fermentierbare Polysaccharide (nicht Stärke), die den Abbau von Rohfaser stimulieren und somit die Produktion von kurzkettigen Fettsäuren erhöhen. Diese wiederum haben positive Effekte auf die Darmintegrität. Im Unterschied zu Präbiotika bilden die Stimbiotika nicht direkt ein Substrat für Bakterien, sondern führen zu einer Verschiebung in der Zusam-mensetzung des Mikrobioms. 


Tatsächlich zeigte sich, dass die Supplementierung der Ration der Ferkel zu einer positiven Beeinflussung zahlreicher Entzündungsparameter, des Blutbildes, der Immunreaktionen und der Morphologie der Darmschleimhaut führte.


Diese Studie zeigt eindrucksvoll, dass neben dem Einsatz von Antibiotika auch Präbiotika, Probiotika und Stimbiotika für die Behandlung von Tieren mit  „leaky gut“ eingesetzt werden können, wobei sicher noch viel Entwicklungsarbeit bzgl. optimaler Dosierungen und potentiell synergistisch wirkender Kombinationspräparate geleistet werden muss.
 

2. Studie

Fragestellung 

Typisch für Euter-Schenkel-Dermatitiden (ESD) sind Hautläsionen und Muskelnekrosen. Tritt die Erkrankung tatsächlich insbesondere bei Erstkalbinnen auf?  Und was weiss man über die Prävalenz und die Risikofaktoren für diese Erkrankung? 


Sickinger M, Avenarius A, Wehrend A.:
Prevalence and clinical relevance of udder thigh dermatitis in dairy cows.
Tierarztl. Prax. Ausg G Grosstiere 2022; 50: 225–235, National Library of Medicine

Im Rahmen dieser Studie wurden 317 frisch abgekalbte Kühe (133 Erstkalbinnen, 184 mehr-kalbige Kühe) auf einem grossen Milchviehbetrieb mit 2'784 Kühen (Holstein und Holstein-Jersey-Kreuzungen) am Tag der Kalbung sowie 7, 14 und 21 Tage post partum untersucht. Eine Euter-Schenkel-Dermatitis war bei 49 der Erstkalbinnen (36.8 %) und 8 mehrkalbigen Kühen (4.3 %) nachweisbar. Damit lag die Prävalenz auf diesem Betrieb bei insgesamt 18 %. Bei 33 betroffenen Tieren traten die Veränderungen bilateral auf, bei 18 Tieren linksseitig und bei 6 Tieren rechtsseitig. Der wichtigste in dieser Studie nachweisbare Risikofaktor war ein Euterödem. Weitere eindeutige Risikofaktoren waren nicht nachweisbar. Die Autoren schlussfolgern, dass insbesondere Erstkalbinnen mit Euterödem zwingend routinemässig auf das Vorhandensein einer Euter-Schenkel-Dermatitis untersucht werden sollten. Nur so ist es möglich, frühzeitig eine Behandlung zu starten, um die mit der Erkrankung einhergehenden Schmerzen und den Rückgang der Milchleistung zu reduzieren.

 

 

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