Farmers Corner

Milchkuhtagung – Stoffwechselerkrankungen in der Startphase

Hypokalzämie

Grangeneuve, 9. November 2022

Hypokalzämie ist eine weit verbreitete Stoffwechselerkrankung in Milchviehbetrieben. Klinische Fälle treten bei 2,8% der Milchviehherden in der Schweiz auf und sind leicht zu erkennen. Weit unterschätzt werden die subklinischen Fälle, davon sind 50% der Mehrlaktierenden betroffen. Sie entgehen häufig der Aufmerksamkeit der Landwirte/innen.

Grangeneuve begrüßte am 9. November 2022 Olivier Crenn, Tierarzt aus der Region Mayenne in Frankreich, und den Agronomen Maxime Ménard, Geschäftsführer der Firma Canevas. Diese Firma bietet den Landwirten fachliche Unterstützung, sowie einen Klauenpflegedienst. Sie stellten uns ihre Vision vor, sowie einige der Verfahren, die sie in Frankreich anwenden. Olivier Crenn arbeitet in einer Praxis mit 22 Tierärzten, von denen 11 in der Rinder- und 5 in der Pferdemedizin tätig sind. 75 % ihrer Kunden halten Milchkühe der Rassen Holstein oder Montbéliarde. Die Herdengröße schwankt zwischen 25 und 150 Kühen. Zwischen der Tierarztpraxis und Canevas besteht eine enge Zusammenarbeit.

Die Themen des Fortbildungstages waren Stoffwechselerkrankungen in der frühen Laktation sowie die Auswirkungen von Hitzestress auf Kühe. Laut Richard Eicher leiden 2,8% der Kühe in der Schweiz an einer klinischen* Hypokalzämie. Etwa 50% der Mehrlaktierende leiden jedoch an einer subklinischen** Hypokalzämie in der Startphase, wobei auch Erstkalbinnen anfällig für eine subklinische Hypokalzämie sein können. Die Hypokalzämie tritt um die Abkalbung auf, etwa zwei Tage vor der Geburt sinkt die Kalziumkonzentration im Blut, da die Kuh Kolostrum für ihr Kalb produziert. Folgende Angaben verdeutlichen die Bedeutung des Kalziumtrainings in der Galtperiode und der Kalziumversorgung während der Laktation:

Menge Kalzium für die Milchproduktion: 1,2 g/Liter

Menge Kalzium für die Produktion von Kolostrum: 2,3 g/Liter

Totale Kalziummenge im Blut einer Kuh:
0,1 g Ca/Liter Blut x 800 kg LG x 7 % Blutanteil= 5,6 g Ca im Blut

Also 5,6g/1,2g pro Liter Milch = 4,7 Liter Milch (oder 2,5 Liter Kolostrum)

Um Hypokalzämien vorzubeugen, ist es wichtig, die Kalziumzufuhr unter Kontrolle zu haben, indem man zwischen der Zufuhr während der Trockenstehzeit und der Produktionszeit unterscheidet. Zur Kalziumregulierung vor dem Kalben kann man die Kuh in den letzten zwei Wochen der Trockenstehzeit in eine metabolische Azidose (Ansäuerung des Blutes) bringen, um die Kalziumaufnahmefähigkeit zu erhöhen. Dies kann erreicht werden, indem man versucht, eine negative Kationen-Anionen-Futterbilanz (FKAD oder DCAB = dietary cation anion balance) zu erreichen. Mit den grasbasierten Rationen, die wir in der Schweiz haben, wird es unmöglich sein, die DCAB-Zielwerte von - 100 bis - 200 meq/kg TS zu erreichen. Wichtig unter unseren Schweizer Bedingungen ist der Unterschied im DCAB-Wert zwischen der Trockenstehzeit und der Produktionszeit. Der DCAB-Wert während der Trockenstehzeit muss niedriger sein als der Wert während der Laktation. In der folgenden Tabelle sind die DCAB-Werte für einige Futtermittel und Ergänzungsfuttermittel aufgelistet:

Aliment

Valeur DCAB (meq/kg MS)

Weide

+40 à +600

Grassilage

+200 à +600

Heu

+130 à +550

Luzerne

+420

Maissilage

+140

Futterrüben

+130

Weizenstroh

+200

Rapsschrot

-244

Sojaschrot

+400

Natriumbicarbonat

+10 000

Magnesiumchlorid

-6590

Spezial Kraftfutter DCAB negativ

-3000

 

Es wird daher dringend davon abgeraten, Natriumbicarbonat in die Ration von Kühen in der Kalbevorbereitung zu geben. Magnesiumchlorid in der Ration zur Vorbereitung auf das Abkalben ist geeignet, um einen niedrigeren DCAB-Wert während der Trockenstehzeit im Vergleich zur Laktationsphase zu erreichen. Da es von den Kühen aufgrund seiner Struktur und seines Geschmackes oft schlecht gefressen wird, haben die Hersteller von Ergänzungsfuttermitteln spezielle negative DCAB-Futtermittel entwickelt, die z. B. Magnesiumchlorid und eher Rapsschrot statt Sojaschrot enthalten. Die direkte Korrelation zwischen DCAB und dem pH-Wert des Urins ermöglicht es, die Wirkung von negativem DCAB zu kontrollieren. Der pH-Wert des Urins liegt in der Laktation bei 8,2-8,3. In der Vorbereitungsphase auf das Abkalben sollte dieser unter 8 liegen.

Vitamin D3, das in einigen Betrieben noch häufig eingesetzt wird, hat nur eine vorübergehende Wirkung. Es hilft, die Kalziumaufnahme für eine kurze Zeit zu erhöhen, danach muss sich die Kuh wieder an die gewohnten Bedingungen anpassen. Das Mittel sollte 2 bis 8 Tage vor dem Abkalben injiziert werden. Der Zeitpunkt der Injektion kann sehr ungenau sein und nicht mit dem Zielzeitraum übereinstimmen, was das Risiko einer Hypokalzämie erhöht.

Empfehlungen für die Mineralstoffzufuhr in der Ration der Galtkühe:

Während der Vorbereitung auf das Abkalben (zwei Wochen vor Abkalben) sollte das Gesamtkalzium der Ration 80g betragen. Gleichzeitig sollte auch auf eine ausreichende Magnesiumzufuhr geachtet werden, da Magnesium zur Kalziumaufnahme beiträgt. Die Phosphorzufuhr sollte jedoch nicht 35 g überschreiten.

Einige praktische Tipps für die Kalziumregulierung:

  • Vor dem Abkalben DCAB negativ halten à Ration ansäuern.
  • Für eine ausreichende Trockenmasseaufnahme während des Trockenstellens und nach dem Abkalben sorgen: Dies ermöglicht die Kalziumaufnahme über die Grundfutterration.
    Bei frisch gekalbten Kühen ermöglicht eine 48-stündige Haltung in der Abkalbebox, dass sie sich in Ruhe von der Kalbung erholen und eine große Menge Futter aufnehmen können, ohne dem Stress und der Konkurrenz der Herde ausgesetzt zu sein.
  • Eine hohe Flüssigkeitsaufnahme nach dem Abkalben ermöglicht eine indirekte Ansäuerung durch Wasserzufuhr, wodurch die Kalziumaufnahme verbessert wird. Der Kuh so viel Wasser anbieten, wie sie möchte; häufig wird lauwarmes Wasser besser getrunken. In grossen Betrieben und bei genügend Erfahrung kann bei Risikokühen (hohe Laktationsnummer, schwere Abkalbung) auch gedrencht werden.
  • Festliegende Kuh:
    • Kalziumzufuhr intravenös und/oder oral (sobald wieder stehend)
    • Intravenöse Zufuhr von Catosal: verbessert den Assimilationsprozess im Körper und säuert ebenfalls an.

* klinisch = Symptome, die die diagnostischen Kriterien für eine Krankheit erfüllen, sind vorhanden (sichtbare Symptome)

** subklinisch = die Symptome sind nicht zahlreich oder schwerwiegend genug, um die diagnostischen Kriterien für eine Krankheit zu erfüllen (nicht sichtbare Symptome)

 

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