Die 6-Feldertafel

Die Verwendung von Milchinhaltsstoffen zur Beurteilung der Stoffwechsellage und damit der Ration von Milchkühen hat sich seit Jahrzehnten bei Beratern und Tierärzten etabliert. Dabei wird noch heute häufig mit Angaben gearbeitet, die aus Untersuchungen an Tierdaten aus den 80er Jahren abgeleitet wurden. Seither hat sich gerade in dieser Branche sehr viel geändert; unter anderem ist die Milchleistung drastisch gestiegen. Im Jahr 1998 betrug die durchschnittliche Milchleistung einer Schweizer Kuh pro Jahr noch 5500 kg, im Jahr 2021 lag sie bei 7084 kg (statista.com). Auch Umwelteffekte wie emissionsarme Milchviehfütterung (Harnstoffausscheidung reduzieren) haben an Wichtigkeit gewonnen. Ein weiterer Nachteil der bisherigen Beurteilung liegt darin, dass Rasseunterschiede unberücksichtigt blieben, was zum Beispiel bei der gehaltvollen Milch von Jersey Kühen zu Fehlinterpretationen führt.

Die deutsche Landwirtschafts-Gesellschaft hat deshalb in einer gross angelegten Studie die neue Dummerstorfer Fütterungsbewertung entwickelt. Dafür wurden 7.370.227 Milchleistungsprüfungs-Datensätze im Zusammenhang mit milchfernen Gesundheits- und Fruchtbarkeitsdaten von 434.863 Kühen beurteilt. Die wichtigsten Punkte der deutschen Ergebnisse in Kürze:


Milchharnstoffgehalt

Grenzwerte 150-250 mg/L = Absenkung der oberen Grenze um 50 g/L, um eine effiziente und umweltschonende Fütterung zu erreichen. Allerdings ist eine zusätzliche Kategorie für Weidebetriebe, die weiterhin 300 mg/L als Obergrenze behält, denkbar und abhängig von der Jahreszeit (z. B. Herbstgras) auch sinnvoll. Generell sollten aber zu hohe Harnstoffwerte im Hinblick auf die Tiergesundheit (negative Effekte auf Fruchtbarkeit und Eutergesundheit) und die Umwelt (Stickstoffbelastung) vermieden werden. Achtung: Der Milchharnstoffgehalt ist kein Indikator für die Proteinversorgung allein, sondern gibt Aufschluss über das Verhältnis von Energie und Protein im Pansen. Ein zu hoher Harnstoffgehalt kann sowohl eine absolute Proteinüberversorgung, als auch einen Energiemangel (aus dem Baustein Harnstoff kann kein Protein aufgebaut werden) als Ursache haben.

 

Energiemangel

Wird über den Fett/Eiweissquotienten (FEQ) beurteilt. Die obere Grenze liegt für Jersey mit 1.6 höher als für die «Gruppe» (= Holstein, Braunvieh, Fleckvieh, Montbéliard, Kreuzungen), für die sie bei 1.4 liegt.



Ketosegefahr

Dafür müssen mindestens zwei Bedingungen erfüllt sein: FEQ > FEQ Grenzwert und gleichzeitig ein zu tiefer Proteinwert oder ein zu hoher Fettwert. Fehlt die Energie, so kann kein Protein aufgebaut werden und es wird körpereigenes Fett abgebaut, welches auch in die Milch gelangt. Diese beiden Werte sind jedoch stark abhängig von der Milchmenge und der Rasse und werden deshalb neu berechnet (Berechnungsformel für Deutschland im Detail: Siehe DLG Merkblatt 451).


Subklinische Pansenazidose

Als Indikator wird ein Fettwert verwendet, der tiefer als der auf Leistung und Rasse bezogene untere Grenzwert liegt. Es wurde dabei aber nur eine geringe Aussagekraft im Hinblick auf die tatsächliche Situation gefunden. Es wird daher empfohlen, zusätzlich auf weitere bewährte Hilfsmittel zu setzen wie Kotkonsistenz, Wiederkauaktivität, Atemfrequenz, Strukturkontrolle der Mischung mittels Schüttelbox, Pansenfüllung, usw.


Energieüberversorgung

Ein hoher Proteinwert bei altmelken Kühen gilt als Indikator für eine Überversorgung und damit dem Risiko einer Verfettung. Wiederum wird empfohlen, den an die Milchleistung und Rasse angepassten Proteinwert als Obergrenze für Kühe mit mehr als 200 Laktationstagen zu verwenden. Eine bessere Beurteilung kann jedoch mittels regelmässiger Erfassung der Körperkondition (BCS) oder Rückenfettdicke erreicht werden.

Bisher wurde auf der X-Achse der 9-Feldertafel der Harnstoff angezeigt, dies bleibt auch so bestehen. In der Y-Achse wird aber der Proteingehalt durch den Fett-Eiweiss Quotienten ersetzt, damit die Energieversorgung unabhängiger von der Milchleistung beurteilt werden kann. Das ergibt dann folgendes Schema, wobei hier noch eine feinere Einteilung in 12 statt 6 Felder stattgefunden hat, um die Proteingrenzwerte miteinzubeziehen.

Die Zuchtverbände haben die neuen deutschen Richtwerte in Zusammenarbeit mit AGRIDEA auf die Anwendbarkeit in der Schweiz überprüft. Dies mit 6.3 Mio Datensätzen aus den Jahren 2019 und 2020. Folgende Erkenntnisse sind daraus entstanden:

  • Montbéliard zeigen in der Schweiz tiefere Fettwerte à FEQ Unterteilung in Jersey, Monbéliard und Rest (HO, BV, SI, FV, OB)
         -   Jersey: 1.53
         -   Montbéliard: 1.3
         -   Rest: 1.4
  • Für die Fett und Eiweissberechnungen Unterteilung in Jersey und Rest
  • Für das Ketoserisiko: FEQ > FEQ Grenze, ausserdem muss das Fett hoch UND das Eiweiss tief sein. Damit sinkt das Risiko, Kühe einer Ketose zu verdächtigen, die evt. keine haben – dafür könnte man aber eine Kuh mit Ketose verpassen.
  • Harnstoff Obergrenze wird gemittelt auf 270 g/L

 

Mit diesen Anpassungen wurde das System als gut anwendbar auf verschiedene Schweizer Betriebe (Alp, Tal, Bio, Käserei usw.) eingeschätzt. In Kürze werden Videos und ein Merkblatt der AGRIDEA erscheinen, auf welche wir hier verweisen werden. Wichtig ist den Zuchtverbänden und AGRIDEA, dass die Anwender sich bewusst sind, dass auch ein verbessertes System die Tierbeobachtung nicht ersetzt.

Wie gut es sich bewährt, wird sich zeigen, sobald wir damit arbeiten.

 

Quellen:

DLG Merkblatt 451: dlg-merkblatt_451.pdf  Achtung: Bald erscheint ein von AGRIDEA erstelltes Merkblatt mit auf die Schweiz angepassten Berechnungen.

HHH Workshop November 2020: MLP – Daten auswerten: neue Ansätze für die Rinderpraxis

AGRIDEA Webinar 4.10.2022: Die neue Milchleistungsprüfung, 6-Felder Tafel

 

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