Webinar vom 3. Mai 2023: Jedes Jahr wichtiger: Hitzestress bei Milchkühen und Kälbern

Hitzestress bei Stallhaltung: Bedeutung und Massnahmen

Andre Treier, TAP Trivet, Tierarzt

 

Das Rind ist ein „gleichwarmes“ Tier, d. h. die Körpertemperatur wird unabhängig von der Umwelttemperatur konstant gehalten. Das Rind versucht, die Körpertemperatur nicht über 39°C steigen zu lassen. Thermoregulation bedeutet, dass die Wärmebildung und die Wärmeabgabe im Gleichgewicht stehen müssen. Die optimale Umgebungstemperatur für Rinder liegt bei 0°C – 16°C. Nehmen im Winter die Temperaturen ab, muss mehr Wärme produziert werden (Wärmebildung). Kältestress beginnt je nach Untersuchung aber erst bei -15°C oder -20°C. Im Sommer hingegen muss die Wärmeabgabe gesteigert werden. Die Wärmebildung entsteht zum einen von aussen, zum anderen aber auch von innen durch körperliche Aktivität und den Stoffwechsel. Eine Kuh produziert mit ihrem Stoffwechsel bis zu 1500 Watt. Bei der Wärmeabgabe unterscheidet man zwischen der trockenen und der feuchten Wärmeabgabe. Trockene Wärmeabgabe sind Wärmestrahlungen, Wärmeleitungen und Wärmeströmungen. Die trockene Wärmeabgabe wird durch die Umgebungstemperatur limitiert. Feuchte Wärmeabgabe erreicht man durch Schwitzen und Hecheln. Je schneller die Atmung, desto mehr Wärmeabgabe ist möglich. Schwitzen spielt bei Rindern keine wesentliche Rolle. Die feuchte Wärmeabgabe wird durch die Luftfeuchtigkeit limitiert.

Die Kuh muss im Sommer die Thermoregulation durch Reduktion der Wärmebildung und durch Förderung der Wärmeabgabe anpassen.


 

Reduktion der Wärmebildung:

  • Aufsuchen von schattigen, kühlen Plätzen
  • Verminderte Futteraufnahme
  • Einschränken der körperlichen Aktivitäten
     

Förderung der Wärmeabgabe:

  • Aufsuchen von windigen Plätzen
  • Erhöhtes Atemvolumen (Hecheln, Maulatmung), Atemfrequenz > 40
  • Vermehrtes Trinken
  • Verkürzte Liegedauer
  • Kontakt mit kühlen Flächen suchen
     

Kann die Kuh die Thermoregulation nicht aufrechterhalten, kommt es zum Hitzestress.

Folgen von Hitzestress sind:

  • Futteraufnahme geht zurück
  • Häufigere Pansenübersäuerung
  • Undeutliche Brunsten
  • Milchinhaltsstoffe sinken
  • Zellzahlen steigen
  • Vermehrte Schwergeburten im darauffolgenden Frühjahr
  • Häufiger Klauenprobleme in den folgenden Monaten

 

Es ist also nicht die Frage, ob wir der Kuh bei der Thermoregulation helfen müssen, sondern ab wann wir helfen müssen. Mit Hilfe des Temperatur-Luftfeuchtigkeits-Index sieht man, dass bereits bei 25°C und einer Luftfeuchtigkeit von 50 % ein mässiger Hitzestress besteht. Helfen können wir, indem wir die äussere Wärmeproduktion senken und gleichzeitig die Wärmeabgabe fördern.
 

Dies ist mit folgenden Massnahmen möglich:

  • Stalldach isolieren oder Photovoltaikanlage installieren, die gut hinterlüftet ist
  • Nachtweide
  • Wasserversorgung optimal gestalten
    • Pro 10 Tiere eine Tränke (mind. 60 cm)
  • Luftfeuchtigkeit senken
    • Frischluft von aussen in den Stall bringen
  • Windgeschwindigkeit im Stall fördern
    • Natürliche Belüftung
      Funktioniert im Sommer meist nicht, da es oft windstill ist
    • Axialventilatoren
    • Deckenventilatoren
    • Schlauchbelüftungsysteme
  • Kuhduschen im Freien
    • Steigern die Verdunstungskühlung
    • Erhöhen die Luftfeuchtigkeit
    • Luftfeuchtigkeit darf nicht über 70 % steigen
    • Intervallbetrieb
    • Liegefläche muss trocken bleiben
    • Ersetzt keine effiziente Lüftung
       

Als Fazit kann man sagen, dass man im Sommer viel „Wind“ in den Stall bringen muss. Die Windschutznetze muss man öffnen, sobald es die Aussenbedingungen erlauben, was fast immer der Fall ist. Je nach Stall müssen die Kälber raus aus dem Stall, da sie den Wind schlecht vertragen. Die Wasserversorgung muss optimal sein und die Kühe müssen nachts geweidet werden.
 

Welche Verhaltensindikatoren eignen sich, um Hitzestress bei weidenden Milchkühen zu erkennen?

Dr. sc. ETH Mirjam Hollinger
 

Hintergrund dieser Studie war, dass Hitzetage in der Schweiz immer mehr zunehmen und Milchkühe eine tiefe thermoneutrale Zone haben. Eine Hitzebelastung beginnt bereits bei 25°C und äussert sich durch reduzierte Futteraufnahme, verringerte Leistung, erhöhte Körpertemperatur, erhöhte Atemfrequenz, weniger Liegen und durch Gruppierung. Weidende Kühe sind der Hitze besonders ausgesetzt.

Auf vier unterschiedlichen Milchviehbetrieben wurden an 30 Tagen folgende Verhaltensweisen erhoben: Fressen, Wiederkauen, Liegen, Stehen, Distanz zur Tränke, Kühe im Schatten sowie Anzahl zusammenstehender Kühe. Das Verhalten der Kühe unterschied sich sehr stark zwischen den Betrieben. Allgemein wurde aber festgestellt, dass je höher die Temperaturen waren, desto höher auch die Insektenbelastung war. Gruppierung der Kühe deutete auf grossen Stress hin, wobei der Grund für diese Gruppierung noch nicht klar ist. Vermutet wird zum einen, dass das Fluchttier Rind in der Herde bei Stress Schutz sucht. Es kann aber auch durch die erhöhte Insektenbelastung zur Gruppenbildung kommen. Weiter wurde beobachtet, dass die Kühe weniger liegen, dass in der Herde eine grössere Unruhe herrscht, Schattenplätze vermehrt aufgesucht wurden und weniger wiedergekaut wurde.
 

Hitzefalle Kälberiglu – Beschattungsmöglichkeiten

Lena Denk, Strickhof
 

Im Sommer 2018 und 2019 wurden am Strickhof Temperaturmessungen in Iglus durchgeführt, um gute Beschattungsmöglichkeiten für Kälberiglus herauszufinden. Die Messungen wurden an leeren Iglus gemacht.

Bei einer Beschattung der Iglus sind die Temperaturen in den Iglus gleich hoch wie die Aussentemperatur. Man kann also die Temperatur in den Iglus durch Beschattung bis zu 10°C senken. Werden die Iglus mit Folie eingepackt, führt dies zu keiner Temperaturreduktion in den Iglus. Eine Übersicht über Beschattungsmöglichkeiten sieht man in der untenstehenden Tabelle. Eine der grössten Herausforderungen bei der Beschattung der Kälberiglus ist allerdings die Einhaltung von Gesetzen / Verordnungen.
 

Unter diesem Link Kälberiglu Download.pdf (kgd-ssv.ch) findet man ein Merkblatt zu Beschattungen von Kälberiglus vom KGD.
 

Das komplette Webinar und weitere können nochmals angeschaut werden unter: https://www.rgs-sbs.tv

 


 

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