30.06.2021 - Kostenfalle Nr. 1: Betriebsblindheit und was man dagegen tun kann

Betriebsblindheit ist ein zentrales Problem, das auf den Betrieben Verbesserungen im Arbeitsalltag im Wege steht. Gehäufte Lahmheiten und Fehler bei der Kälberaufzucht sind nur beliebige Beispiele für fatale Konsequenzen von Betriebsblindheit. Doch warum unterschätzen Betriebsleiter die Konsequenzen von Bestandesproblemen - und welche Lösungsstrategien bieten sich an?



Betriebsblindheit umgehen - Bestandesprobleme auf dem Radar halten.


Die Klauengesundheit einer Herde – von zentraler Bedeutung für die Milchleistung, die Höhe der Futteraufnahme, die Erkennung von Brunstsymptomen. Das wissen wir alle. Und wir wissen, was zu tun ist: funktionelle Klauenpflege, regelmäßiger Herdenschnitt, Kontrolle der Klauen beim Trockenstellen, Kontrolle auffälliger Tiere im Klauenstand – alles hundertfach dargelegt, demonstriert und diskutiert. Allgemeingut in Berufsschulen, Seminaren und der Top Agrar. Und trotzdem: basierend auf den Ergebnissen vieler Erhebungen geht in bundesdeutschen Milchviehbetrieben jede fünfte Kuh lahm – andere Untersuchungen kommen auf noch höhere Zahlen von Kühen mit Klauenproblemen. Wie kann das sein? Schließlich wissen wir doch, dass die üblichen Klauenerkrankungen wie Mortellaro, Sohlengeschwüre oder Weiße-Linie-Defekte bei früher Behandlung unkompliziert und schnell in den Griff zu kriegen sind – dass die Prognose eigentlich viel günstiger ist als bei Mastitiden. Also woran liegt es dann? Wie wir heute wissen, ist der Grund für einen hohen Anteil lahmer Kühe in einer Herde nicht eine hohe Erkrankungsrate, nicht eine extrem lange Ausheilungsdauer – sondern schlicht der Umstand, dass lahme Kühe nicht zeitnah behandelt werden. Ganz offensichtlich haben sich viele Betriebsleiter an lahme Kühe gewöhnt.

Eine, wenn nicht sogar DIE entscheidende Ursache dafür wurde vor kurzem in einer bemerkenswerten Übersichtsarbeit von John Mee, einem profilierten und sehr angewandt arbeitenden Wissenschaftler aus Irland, thematisiert: Betriebsblindheit. Darunter verstehen wir im engeren Sinn, dass Missstände auf dem eigenen Betrieb übersehen, ausgeblendet und ignoriert werden. Daraus ergeben sich fatale Folgen für das Tierwohl, aber auch die Produktionsergebnisse und somit hohe ökonomische Verluste. Viele betrachten daher Betriebsblindheit als die wichtigste «Kostenfalle» auf dem Betrieb.

Was man nicht aufschreibt, wird unsichtbar!

Was aber sind die wesentlichen Ursachen für Betriebsblindheit? Ein zentraler Punkt ist, dass Probleme entweder nicht erkannt werden oder dass die Konsequenzen von Problemen unterschätzt werden: «Hat sich die Anzahl totgeborener Kälber in den letzten 12 Monaten erhöht?» - «Wie viele Kälber haben Sie im letzten halben Jahr aufgrund von Durchfall verloren?» - «Was wiegen Ihre Kälber direkt nach dem Abtränken?» Drei Fragen, die wichtige Kennzahlen zur Beurteilung der Kälberaufzucht auf dem Betrieb liefern. Drei Fragen, die für die Produktivität der späteren Milchkühe zentrale Bedeutung haben: je häufiger die Kälber erkranken, je geringer die täglichen Zunahmen in den ersten Lebenswochen, je höher die Tierverluste – desto weiter geht die Schere auseinander zwischen dem genetischen Potential der Tiere und dem, was sie später im Alltag tatsächlich an Milch- oder Mastleistung realisieren. Und obwohl diese drei beispielhaften Fragen so wichtig sind, erhält man häufig auf dem Betrieb keine eindeutige Antwort – weil sich mehrere Personen auf dem Betrieb um die Geburten und Kälber kümmern, weil der Fokus auf anderen Gebieten liegt, weil viele relevante Informationen schlicht nicht aufgezeichnet werden. Das ist fatal, denn was nicht notiert und aufgeschrieben wird, hat man in kürzester Zeit vergessen. Es wird unsichtbar, hat quasi nicht stattgefunden und wird später überhaupt nicht mehr als Problem wahrgenommen. Und die Konsequenz ist, dass eine zentrale Schraube für die Optimierung der Ökonomie der Milchproduktion, beispielsweise hier die Jungviehaufzucht, ignoriert wird und die Betriebsergebnisse auf diesem Gebiet unterdurchschnittlich sind, obwohl sich eine Verbesserung mit einfachen Maßnahmen erreichen ließe.

«Bad becomes normal»

Eine zweite, nicht minder wichtige Ursache für Betriebsblindheit ist das Ignorieren von offensichtlichen Problemen im Alltag. Dass die Zellzahl nun schon seit Monaten zu hoch liegt, dass die Kühe durch ungenügende Pflege der Liegeboxen sehr dreckig sind, dass die Zitzenkondition der Kühe zu wünschen übrig lässt – all das lässt sich ausblenden, weil es irgendwie auch trotzdem im Alltag weiterläuft. Je langsamer sich ein Problem einschleicht und ausbreitet, desto weniger wird es beachtet. Es erfolgt eine Desensibilisierung der Verantwortlichen - die sedative Wirkung des Alltäglichen. Ein schlechter Zustand wird dadurch irgendwann zu der neuen Normalität. Und schließlich flüchtet man sich in Fatalismus: «´s geht halt nicht anders - wo viel Licht, ist auch viel Schatten!» - als seien Missstände unvermeidbar. «Der Herr hat’s gegeben, der Herr hat’s genommen!» - eigentlich ein schwaches Statement angesichts hoher Tierverluste. Konsequent wird dabei ausgeblendet, dass es durchaus Betriebe gibt, die eine vorbildliche Klauen- und Eutergesundheit haben, deren Kälber optimiert aufgezogen werden, die eine hohe Lebenseffektivität der Kühe erreichen (ausgedrückt in kg Milchleistung pro Lebenstag).

… alles sehr menschlich!

Betriebsblindheit ist im Grunde ein überaus menschliches Verhalten. Auch im normalen Alltag von Normalbürgern ohne Bezug zur Landwirtschaft spielt Betriebsblindheit eine wesentliche Rolle. Liebgewordene Routinen werden weiterhin gepflegt, obwohl der fatale Effekt verschiedener Gewohnheiten auf die Gesundheit oder das Haushaltseinkommen hinlänglich bekannt sind. Sei es das Rauchen, die übergroße Mahlzeit am Abend, die fehlende Bereitschaft zum Wechsel des Energieanbieters – alles letztlich falsche Entscheidungen mit langfristigen, ebenso negativen wie vermeidbaren Konsequenzen. «Der Mensch ist ein Gewohnheitstier» - wie der Volksmund weiß.

Aber wieso gelingt es uns so schwer, rational und angemessen auf Problemstellungen zu reagieren und Missstände abzustellen? Dafür entscheidend ist, dass sich aus den Fehlern – sei es in der persönlichen Lebensführung, sei es bei den Routinen auf dem Betrieb – kein kurzfristiger Leidensdruck aufbaut. Ein krankes Kalb behandeln zu müssen, ist ärgerlich und kostet etwas Zeit und Mühe – ist aber keine wirkliche Katastrophe im Alltag. Auch ein einzelnes totgeborenes Kalb hat unmittelbar und heute keine wirklich negativen Konsequenzen – obwohl klar ist, dass sich aus gehäuften Totgeburten langfristig fatale Folgen ergeben. Und noch etwas spielt eine Rolle: potentielle Gewinne durch besonders frohwüchsige, gesunde Kälber ergeben sich erst in mehreren Jahren, wenn diese Tiere laktieren – und das ist noch so lange hin, dass man darüber heute nicht nachdenken kann. Akute Probleme heute, z. B. der Ausfall der Waage am Futtermischwagen, erscheinen viel bedeutsamer als relativ abstrakte spätere ökonomische Vorteile.

Akute Probleme interessieren mehr als langfristige Vorteile

Und so erklären sich scheinbare Widersprüche: jeder weiss seit Jahr und Tag, dass die erste Versorgung des Kalbes mit Kolostrum lebenslange Konsequenzen für Immunsystem, Wachstum und Performance im späteren Leben hat – und trotzdem sind, je nach Studie, 30-60% der neugeborenen Kälber nicht ausreichend mit Biestmilch versorgt. Jeder weiß, dass eine verschmutzte, überbelegte, teils als Krankenbox benutzte Abkalbebox eine wesentliche Ursache für Kälberdurchfall sein kann – und trotzdem bleiben diese Dinge bei der Mehrzahl der Abkalbeboxen nicht ausreichend beachtet. Jeder kennt die Bedeutung eines sauberen und üppig eingestreuten Iglus für den Start des Neugeborenen in das Leben – und trotzdem klappt es auf so vielen Betrieben nicht. Allzu menschlich einerseits – fatal und folgenreich andererseits.

Betriebsblindheit ist «heilbar»!

Aber es gibt eine gute Nachricht: Betriebsblindheit ist kein unabänderliches Schicksal, sondern kann reduziert oder gar beseitigt werden:

  • eine zentrale Voraussetzung dafür ist zunächst die Bereitschaft des Betriebsleiters, die eigenen Routinen in Frage zu stellen – denn grundsätzlich macht eine Beratung nur Sinn, wenn diese Beratung auch erwünscht ist!
  • im nächsten Schritt ist ein «Blick von außen» notwendig. Das kann ein Fachmann vom Tiergesundheitsdienst, der Erzeugerberatungsring oder der Landwirtschaftskammer sein – gerne aber auch ein erfolgreicher Berufskollege, zu dem man Vertrauen hat. Mit diesem werden dann die Risikofaktoren für die Tiergesundheit systematisch und neutral angeschaut und diskutiert – warum werden bestimmte Routinen auf diesem Betrieb so durchgeführt, wie das aktuell passiert? Was ergeben sich für Vor- und Nachteile aus diesen Routinen? Die Einbindung des Bestandsierarztes ist sinnvoll, denn auch dieser kann wesentlichen Input leisten aufgrund seiner Erfahrungen in der Zusammenarbeit mit dem Landwirt und seiner Eindrücke von anderen Betrieben.
  • Daraus wiederum ergibt sich eine Checkliste mit dem Status quo auf dem Betrieb und detaillierten Empfehlungen, um spezifische Verbesserungen zu erreichen.
  • Diese gilt es nach etwa drei Monaten im gemeinsamen Gespräch zu besprechen: hat sich ein Erfolg eingestellt oder nicht? Sind weitere Nachjustierungen erforderlich?

Stets sollte es das Ziel sein, den Erfolg einzelner Empfehlungen objektiv beurteilen zu können. Das allerdings ist an eine zentrale Voraussetzung gebunden: es müssen möglichst exakte Zahlen verfügbar sein. So ist ein Benchmarking nur möglich, wenn es dafür eine belastbare Grundlage gibt. Wie soll man denn einschätzen, ob eine Verbesserung des Kolostrum-Managements und/oder das intensive Tränken von Kälbern anstelle der jahrelangen sehr knappen Versorgung mit Milch tatsächlich einen entscheidenden Vorteil für den Betrieb bedeutet? Das ist nur möglich, wenn man von jedem Kalb das Geburtsgewicht notiert (… und sei es abgeschätzt), die Vitalität und die Kolostrumaufnahme, eventuelle Erkrankungen und schließlich das Gewicht zum Zeitpunkt des Abtränkens. Das kann über Kälberkarten erfolgen, kann aber natürlich auch im Zeitalter der Digitalisierung mittels App gemacht werden. Diese Zahlen gilt es regelmässig auszuwerten und – wenn irgend möglich – mit Zahlen anderer Betriebe zu vergleichen. So erhält man allmählich ein Gefühl für das Niveau des eigenen Managements.

Ein dritter Ansatz zur Überwindung von Betriebsblindheit ist Kommunikation – am effektivsten mit Berufskollegen in Arbeitskreisen mit dem gemeinsamen Konzept, gute und vor allem erprobte Ansätze und Abläufe von anderen zu übernehmen. Viel zu häufig schauen wir auf die Dinge, die bei anderen falsch gemacht werden. Viel zu häufig ereifern wir uns über banale oder weniger banale Fehler beim Nachbarn, viel zu häufig unterlassen wir das Hinterfragen der eigenen Routinen – und viel zu selten versuchen wir zu erkennen, was auf guten Betrieben der Schlüssel für die Erfolge ist. Wenn es gelingt, das zu ändern, so ist ein entscheidender Schritt für künftigen Erfolg schon gemacht.

 

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