Vet's Corner 2/2022

Review: Understanding Behavioural Development of Calves in Natural Settings to Inform Calf Management

Whalin L, DM Weary und MAG von Keyerlingk (2021)
Animals, 11(8), 2446

Anhand von Studien, die das Verhalten von Kälbern der Art Bos taurus unter natürlichen Bedingungen (Kälber, welche ausschliesslich auf der Weide mit ihren Müttern und einer Herde aufwachsen) untersuchen sowie den Verhaltensweisen anderer wildlebender Huftierarten (Bisons, Wasserbüffel und Rentiere), beschreiben Whalin et al. in ihrem Review-Paper die natürliche Verhaltensentwicklung von Kälbern und die dafür wichtigsten Stimuli.

Das erste Schlüsselereignis im Leben eines Kalbes ist das Ablecken durch das Muttertier. Dadurch wird das Kalb stimuliert, sodass es bald (Ø 17 Minuten p.p.) erste Aufstehversuche wagen kann. Je schneller es dem Kalb gelingt aufzustehen (Ø 37 – 58 Minuten p.p.), desto eher kann es das überlebenswichtige Kolostrum zu sich nehmen. Die zeitliche Brisanz ist bedingt durch das Absorptionsvermögen der Darmwand für Immunglobuline, welches bereits sechs Stunden p.p. absinkt. Kälber primiparer Kühe stehen später auf und benötigen mehr Zeit dafür als Kälber pluriparer Tiere. Die Suche nach den Zitzen beansprucht ebenfalls Zeit und ist abhängig von der Lage des Euters: Zitzen von tieferen Eutern (betrifft v.a. pluripare Hochleistungskühe) benötigen mehr Suchzeit als jene von höheren Eutern.

Die Aktivitäten von Kälbern folgen unter natürlichen Bedingungen einem fixen Tagesrhythmus (s. Abbildung). Über den ganzen Tag verteilt saugen Kälber ca. neun Mal jeweils während 13 Minuten und bis zu 15 L während der zweiten Lebenswoche. Die soziale Entwicklung von Kälbern wird unter natürlichen Bedingungen stark durch die Interaktion mit adulten aber auch gleichaltrigen Tieren geprägt. Kälber verbringen viel Zeit mit ihren Müttern, lernen von deren (Fress-) Verhalten und werden von ihnen gepflegt (Ø 72 Minuten täglich). In der Herde werden Kälber regelmässig von anderen Adulttieren beschnuppert, behütet und teilweise sogar gesäugt. Die Interaktionen mit gleichaltrigen erfolgen im Spiel (vor allem gegen Abend), beim Grasen und in Ruhepausen. Mit zunehmendem Alter nimmt die Zeit, verbracht mit Spiel und Bewegung zugunsten von mehr Weide- und Wiederkauzeit ab.



Abbildung: Tagesrhythmus

Der natürlichen Verhaltensentwicklung setzen die Autorinnen die Verhaltensentwicklung von Kälbern gegenüber, die unter gängigen Haltungsbedingungen in Brasilien, den USA und Kanada aufwachsen. Vor allem auf Betrieben mit Milchwirtschaft fehlen wichtige Auslöser für die natürliche Verhaltensentwicklung ganz oder sind nur unzureichend gegeben. Um dem entgegenzuwirken, schliessen die Autorinnen mit folgenden Empfehlungen:

  • Interaktionen mit adulten Tieren ermöglichen über die mutter- oder ammengebundene Kälberhaltung
  • Haltung in Paaren oder Kleingruppen statt einzeln
  • Ad libitum-Tränke
  • Zugang zu einer Weide
  • Zugang zu Spielplätzen, zusammen mit Gleichaltrigen. Wenn nicht dauerhaft verfügbar, zumindest während des späten Nachmittags
  • Kratzbürsten zur Kompensation des fehlenden Ableckens durch die Mutter an der Kopfpartie
  • Kontinuierliches Absetzen


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Standing behavior and sole horn lesions: A prospective observational longitudinal study

Eriksson HK, RR Daros, MAG von Keyserlingk, DM Weary (2021)
Journal of Dairy Science, 104, 10, P11018-11034

Studien auf einzelnen Versuchsbetrieben hatten gezeigt, dass das vermehrte Stehen rund um den Zeitraum der Kalbung das Auftreten von Lahmheiten und Sohlengeschwüren in der Frühlaktation fördere. Grund dafür sei eine Abnahme des Body Condition Scores (BCS). Ziel der vorliegenden longitudinalen Beobachtungsstudie war es, diesen Zusammenhang in kommerziellen Milchviehherden in Kanada zu prüfen.

Zwischen Mai 2017 bis Januar 2018 wurden acht Milchwirtschaftsbetriebe wöchentlich besucht. Die Betriebe hielten allesamt mindestens 160 laktierende Kühe in einem Boxenlaufstall und mindestens einmal jährlich erfolgte eine Klauenpflege. Es wurden nur Tiere eingeschlossen, die in der Vergangenheit keine Sohlengeschwüre oder Lahmheiten gezeigt hatten. Der BCS und der Lahmheitsgrad aller Versuchstiere (149 Primipare, 175 Puripare) wurden während ca. acht Wochen vor bis ungefähr zwölf Wochen nach der Kalbung ermittelt. Jeweils am letzten Untersuchungstag fand die funktionelle Klauenpflege statt. Das Stehverhalten wurde vier Wochen vor bis zwei Wochen nach der Kalbung mittels Bewegungssensor an den Hinterbeinen aufgezeichnet. Die durchschnittliche tägliche Stehzeit sowie das längste tägliche Stehintervall wurde ausgewertet.

Während der Frühlaktation verloren alle Kühe einen BCS-Punkt. Mehrkalbende wiesen eine höhere Lahmheitsinzidenz auf als Erstkalbinnen. Die Lahmheitsinzidenz stieg in beiden Gruppen zwischen der achten Woche vor bis zur siebten Woche nach der Kalbung von ca. 8 auf 22 (pluripare Kühe) resp. 4 auf 8 (primipare Kühe) Lahmheiten/100 Kühe/Monat. Kühe mit den längsten täglichen Stehintervallen standen auch über den gesamten Tag am meisten. Es gab keinen Zusammenhang zwischen der täglichen Stehzeit oder dem längsten Stehintervall und Sohlengeschwüren vor und während der Kalbung. Nach der Kalbung hingegen, war eine verlängerte Stehzeit vor allem bei pluriparen Tieren mit dem Auftreten von Sohlengeschwüren korreliert. Der Verlust von Körperfett begünstigte die Entstehung von Sohlengeschwüren. Bei der Klauenpflege blieben 76 % aller Rinder ohne einen Befund.

Das erhöhte Risiko für das Auftreten von Sohlengeschwüren nach der Kalbung könnte damit erklärt werden, dass durch die Abnahme des BCS mit dem Einsetzen der Laktation auch die Dicke des Ballenpolsters (Unterhaut und Fettgewebe) abnimmt. Andere Studien hatten gezeigt, dass Letzteres eine Woche post partum am geringsten ausgeprägt ist. Es lässt sich abschliessend folgern, dass sich das Vermeiden längerer Stehzeiten im postpartalen Zeitraum durch z.B. kürzere Wartezeiten am Melkstand positiv auf die Klauengesundheit auswirken könnte.

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