Vet's Corner 3/2022

Jakupov, I., Karabayeva, Z., Abultdinova, A. (2021):

 

Instrument zur Diagnose physiologischer und pathologischer Zustände des Uterus bei Kühen post partum.

 

Tierarztl. Prax. Ausg. G Grosstiere 49, 229–233.

 

Ziel dieser in Kasachstan durchgeführten Studie war es, ein neues Instrument ("Metrastatum") zu testen, um über die Erfassung der Distanz zwischen Cervix und Vulva (DCV)  und die Beurteilung des vaginalen Ausflusses pathologische Veränderungen der postpartalen Uterusinvolution erfassen zu können.

Die Studie wurde an 173 Holstein-Friesian-Kühen in der postpartalen Phase durchgeführt. Die Tiere wurden in zwei Gruppen aufgeteilt (gesund vs. pathologisch).  Alle Kühe wurden 1 bis 2 Tage nach dem Kalben, 6 bis 8 Tage und 11 bis 14 Tage p. p. untersucht. Wenn der Uterus dann unauffällig, wurden die Untersuchungen beendet. Bei pathologischen Veränderungen wurden die Untersuchungen auch an den Tagen 18 bis 22, 23 bis 27 und 28 bis 30 p. p. durchgeführt.

 

Bei dem "Metastratum" handelt es sich um einen Stab aus rostfreiem Stahl mit Farbmarkierungen: 26 cm sind grün und der weitere Bereich von 26 bis 45 cm ist rot. Am Ende des Stabes befindet sich ein Gummitrichter.

 


« Metrastatum » ©I.Jakupov

 

 

Das "Metrastatum" wird vorsichtig in die Vagina eingeführt, um den Abstand zwischen Cervix und Vulva zu messen. Dann wird das Instrument herausgezogen und der Schleim im Trichter bzgl. Farbe, Konsistenz, Geruch und das Vorhandensein von Blut beurteilt.

 

Vergleicht man die Ergebnisse der beiden Gruppen (gesund/pathologisch), so fällt auf, dass zwischen Tag 1/2 und Tag 10-16 p. p. der Abstand zwischen Cervix und Vulva (DCV) bei den gesunden Kühen im Mittel um 12.5 cm abnahm (von 38 auf 26 cm), während der DCV bei den Kühen mit gestörter Puerperalphase nur um 8.4 cm abnahm (von 39 auf 31 cm).

 

Die Studie zeigt, dass der Grad der Gebärmutterinvolution und die Entwicklung von Pathologien korrelieren. Der Vorteil der Verwendung des "Metrastatums" zur Diagnose von Uterusinfektionen ist, dass es gleichzeitig die Messung des Abstands zwischen Cervix und Vulva und die Entnahme von Vaginalschleim ermöglicht.

 

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Kaiser, A., Kaiser, M., Brehm, W., Spilke, J., Dettmann, S., Starke, A. (2020):

Vorkommen, Vorbericht und klinisches Bild der Neuropathie des Nervus tibialis bei Deutsch-Holstein-Kühen.

Tierärztl. Praxis Ausg. G Grosstiere 49, 79-90.

Ziel dieser Studie war es, das Auftreten, die Anamnese und das klinische Bild der Neuropathie des Nervus tibialis bei Holstein-Kühen zu dokumentieren und damit Ätiologie und Bedeutung dieser Erkrankung in deutschen Milchviehbetrieben zu ermitteln.

Die Tibialis-Neuropathie ist eine häufige Nervenerkrankung bei Rindern. Sie ist charakterisiert durch das Absinken des Tuber calcanei und Überköten im Fesselgelenk aufgrund einer Parese der Strecker des Tarsus und der Beuger des Klauengelenks. Die Neuropathie kann ein- oder beidseitig auftreten.

Die Studie umfasste 88 Holstein-Kühe, die zwischen Januar 2013 und Oktober 2017 untersucht wurden. Die Anamnese, Labor- und klinische Daten wurden ausgewertet und der Schweregrad anhand der Symptomatik einem von drei Stadien zugeordnet.

Der N. tibialis kann aufgrund seiner anatomischen Lage durch übermässiger Druck bei zu langem Liegen (insbesondere bei festliegenden Kühen) oder durch ungeeigneten Boden (z. B. zu kurze Läger mit Mistrost) gequetscht werden. Das Auftreiben der Kühe direkt nach dem Kalben bei rutschigem Boden ist ebenfalls ein Risikofaktor, da die Bänder noch locker sind. Insbesondere im Hinblick auf die Beckenbänder kann dies zu einer Instabilität des Beckens führen, wodurch die Gefahr von Stürzen mit einer Schädigung des N. tibialis aufgrund der Hyperextension steigt. Die einseitige Parese tritt sehr häufig postpartal auf. Eine Nervenschädigung kann auch durch ein Trauma im Bereich des Kreuzbeins oder der Lenden- und Schwanzwirbel verursacht werden und zu einer beidseitigen Lähmung führen. Ursächlich sind schwere Kalbungen oder das Aufreiten durch andere Tiere bei brünstigen Tieren.

Toxisch-metabolische Krankheiten bergen aufgrund der allgemeinen Schwäche, die sie verursachen, ein Risiko für das Auftreten einer Tibialis-Parese. Da die Kuh viel liegt, sind Quetschungen oder Überdehnungen des Nervs zu befürchten. Bei schmerzhaften Erkrankungen des Bewegungsapparats besteht ein ähnliches Risiko.

Im Patientengut der Studie ergab sich kein Hinweis, dass die Parese des Nervus tibialis eine Körperseite häufiger betrifft als die andere. Die Schwere der Lahmheit gibt jedoch einen Hinweis auf die Lokalisation der Nervenschädigung: je leichter die Lahmheit, desto distaler ist die betroffene Nervenregion oder desto weniger Nervenfasern sind betroffen.

Bei einer Neuropathie Grad 1 ist nur das Überköten auffallend, somit sind nur die Zehenbeuger betroffen. Der Nervus tibialis ist dann entweder im Bereich des Kniegelenks vor der Trennung von den distalen Ästen unvollständig geschädigt oder im Bereich der Äste, die die tiefen Beuger innervieren, vollständig geschädigt.

Grad 2 ist durch ein Absinken des Tuber calcanei sowie Überköten gekennzeichnet. Ursache ist eine vollständige Läsion des Nerven nach der Trennung vom Ischiasnerv oder eine unvollständige Läsion weiter proximal.

Grad 3 mit stärkeren Absinken des Tuber calcanei ist auf eine weiter proximal gelegene Schädigung des Ischiasnervs zurückzuführen. Das stärker ausgeprägte Überköten verglichen mit Grad 1 und 2 ist dabei durch die stärkere Beugung des Tarsalgelenks über den "Spannsäge"-Apparat bedingt (Abb. 1).


Abb. 1: Drastisches Absinken des Fersenhöckers
und starkes Überköten bei einer Kuh mit Tibialisparese Grad 3

Als Differentialdiagnose der N. tibialis-Neuropathie ist an eine Ruptur des Musculus gastrocnemius zu denken, die mit einer ödematösen, warmen und gut palpierbaren Schwellung im Bereich des Unterschenkels einhergeht. Es ist möglich, dass es nach der Nervenschädigung zu einer Muskelruptur kommt oder dass die Parese durch ein Trauma der Muskulatur mit Auftreten eines Kompartment-Syndroms verursacht wird. Auch eine Schwellung aufgrund eines Abszesses oder Hämatoms kann eine Druckschädigung des Nerven verursachen.

 

Die Ätiologie der bilateralen Neuropathie kann auch aus den klinischen Symptomen abgeleitet werden. Wenn neurologische Ausfälle im Bereich der Blase, des Schwanzes oder des Anus vorliegen, kann man daraus schließen, dass die Läsion zwischen dem 6. Brustwirbel und dem 2. Sakralwirbel liegt, wobei diese Läsionen durch eine Dystokie oder ein Aufreiten während der Brunst verursacht worden sein können.

Anhand der Serumaktivität der CK und der AST kann festgestellt werden, ob die Muskelverletzungen weiter andauern oder ob sie sistieren. Da die CK schneller ansteigt und eine kürzere Halbwertszeit als die AST hat, kann man daraus den Zustand der Muskelschädigung ableiten (beide Enzyme sind erhöht, beide Enzyme sind niedrig oder nur AST ist erhöht).

 

Neuropathien des Nervus tibialis sind aufgrund des Absinkens des Tarsus und der dadurch bedingten Überstreckung der Muskeln schmerzhaft. Auch aus der Humanmedizin ist bekannt, dass Neuropathien Schmerzen (Neuralgie) auslösen. Für die Milchkuh bedeutet dies ein vermindertes Wohlbefinden, eine geringere Futteraufnahme, eine höhere Anfälligkeit für Krankheiten und eine geringere Milchproduktion. Dies gilt umso mehr, als die Neuropathie häufig in der Transitphase auftritt. Eine Schmerztherapie ist insofern sinnvoll, birgt aber immer auch das Risiko von Labmagenulcera.

 

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Rieger, H., Kölln, M., Sürie, C., Mohwinkel, H., Visscher, C. (2020):

Auswirkungen hoher Umgebungstemperaturen auf laktierende Milchkühe – unter praxisüblichen Bedingungen in Norddeutschland von Bedeutung?

Tierarztl. Prax. Ausg. G Grosstiere 48, 15–23.

Ziel der Studie war es, quantitative Daten über die Auswirkungen von hohen Temperaturen auf Milchkühe unter Praxisbedingungen zu sammeln.

Die Auswirkungen von Hitze auf Milchkühe sind mittlerweile gut untersucht: hohe Temperaturen führen zu einem Rückgang der Futteraufnahme und der Milchproduktion sowie zur Veränderung vieler Parameter, die nicht direkt mit der verminderten Futteraufnahme in Verbindung stehen. Zur genaueren Charakterisierung der klimatischen Bedingungen wird der Temperatur-Luftfeuchtigkeits-Index («Temperature Humidity Index»; THI]) herangezogen. Hohe THI-Werte werden u. a. mit einer hohen Mastitisinzidenz und erhöhter Mortalität in Verbindung gebracht.

Die Datenerhebung fand auf dem Milchviehbetrieb einer Forschungsherde der Tierärztlichen Hochschule Hannover im Zeitraum von Mitte Juli bis Ende September 2018 statt. Folgende Parameter wurden gemessen: die tägliche Aufnahme der Totalmischration(TMR), die Temperatur des Futters und der Futterreste, der THI-Index und bei fünf Tieren pro Gruppe die Atemfrequenz und die Rektaltemperatur. Die tägliche Milchproduktion wurde pro Kuhgruppe erhoben.

Die Studie zeigte eine signifikante negative Korrelation zwischen der Trockenmasseaufnahme und dem THI im Stall; zwischen der Trockenmasseaufnahme und der Milchproduktion wurde eine signifikante positive Korrelation beobachtet. Hervorzuheben ist die Beobachtung, dass bereits vergleichsweise niedrige Umgebungstemperaturen mit mittleren Tagestemperaturen zwischen 20 und 25 °C in Abhängigkeit von der Luftfeuchtigkeit durchaus zu erheblichem Hitzestress führen können – einhergehend mit einem Rückgang der Aufnahme der Mischration um 15 % und einem Rückgang der Milchleistung um ca. 8 %. An sehr heissen Tagen hatte ein Grossteil der untersuchten Tiere (bis zu 100 %) eine Rektaltemperatur von über 39.0 °C, manchmal sogar über 40.0 °C. Atemfrequenzen von 24-36 Atemzügen pro Minute und Rektaltemperaturen von 38-39 °C werden für ausgewachsene Rinder als physiologisch beschrieben. An heissen Tagen im Sommer 2018 wurden deutlich höhere Werte gemessen. Die erhöhten Atemfrequenzen sind als Hecheln zu interpretieren. Da die Messungen nur an gesunden Tieren vorgenommen wurden, ist der Anstieg der Rektaltemperatur von Fieber zu unterscheiden und eher als Hyperthermie zu beschreiben. Zwar waren mehrere Axialventilatoren an der Decke des Stalls installiert, die Wirkung dieser Ventilatoren reichte offenbar aber nicht aus, um eine ausreichende Kühlung der Tiere zu gewährleisten.

Eine Erhöhung der Rektaltemperatur aufgrund von Hitzestress ist ein Zeichen dafür, dass das Tier diesen Stress nicht kompensieren kann. Da die Umwandlung von metabolisierter Energie aus dem Futter in Milch mit Wärmeverlusten von etwa 40 % verbunden ist, ist die Reduzierung der Futteraufnahme eine sinnvolle Massnahme des Organismus zur Temperaturregulierung.

Hochleistungskühe sind am stärksten von Hitzestress bedroht, obwohl es Unterschiede zwischen den einzelnen Rassen gibt. So sind Simmentaler und Jersey weniger empfindlich als Holsteinkühe. Eine höhere Hitzetoleranz könnte in Zukunft als Selektionskriterium herangezogen werden. Genetische Marker für Hitzetoleranz wurden bereits identifiziert.

 

 

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