Vet's Corner 4/2022

Was bedeutet « 3K » im Kälbermanagement beim Absetzen von Milchkälbern?
Wie stark reagieren Mutterkühe auf Schmerzäusserungen ihrer Kälber z.B. bei der Kastration?

Antworten auf diese Fragen und mehr lesen sie in diesem Vet’s Corner!

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Commercial Dairy Calf Management: Impact on Performance and Health

Grothe J and Thornsberry R M (2022)

Food Animal Practice 38: 63-75.

Die Autoren aus den USA beschreiben die Risiken, die mit dem Absetzen von Milchkälbern verbunden sind, und deren Auswirkungen auf ihre zukünftige Gesundheit und Leistung. Sie empfehlen die Verwendung eines "3K"-Tools zur Verbesserung des Kälbermanagements, wobei die 3 K für Komfort, Konsistenz und Kalorien stehen.

Komfort beginnt mit einer reichlichen, sauberen und trockenen Einstreu aus Weizen- oder Gerstenstroh. Der hohle Halm des Strohs enthält Luft und bietet damit eine hervorragende Isolierung für die Kälber. Atemwegsinfektionen treten bei guter, staubarmer Einstreu seltener auf, es gibt weniger Durchfall und die Behandlungshäufigkeit sinkt. Eine Studie der Universität aus North Dakota belegt, dass Ochsen, die auf reichlich Einstreu gehalten wurden, höhere tägliche Gewichtszunahmen hatten als Tiere, die ohne oder mit wenig Einstreu gehalten wurden.

Die Selbstreinigung ist ein normales Verhalten von Kälbern in jedem Alter. Die mit dieser Aktivität verbrachte Zeit nimmt ab, wenn die Kälber nach dem Abtränken in Gruppen zusammengeführt werden. Dies kann bedeuten, dass ein intensives Belecken bei allein gehaltenen Kälbern Indikator für psychischen Stress ist.

Eine Studie der Universität Saskatchewan zeigte, dass Kälber, die mit physiologischen und ernährungsbedingten Stressoren sowie einer abrupten Entwöhnung konfrontiert waren, ein wesentlich höheres Risiko hatten, an einer tödlichen Atemwegserkrankung zu erkranken. Stressoren üben einen direkten Einfluss auf die Amplitude der antiviralen Immunreaktionen aus. Überraschenderweise steigerten Stressoren die Immunantwort bei Infektionen mit BHV-1. Bei Infektionen mit bestimmten gramnegativen Bakterien, die für Lungeninfektionen verantwortlich sind, kommt es hingegen häufig zu einer übersteigerten Immunantwort, was zu massiveren Krankheitssymptomen und mehr Todesfällen führt. Stress erhöht somit das Risiko tödlicher Atemwegserkrankungen. Die Minimierung von Stress sollte deshalb vom Landwirt als Managementinstrument eingesetzt werden: das Absetzen sollte allmählich erfolgen, und Kälber sollten nach dem Abtränken noch für etwa zwei Wochen in ihrem vertrauten Haltungssystem verbleiben. Zusätzliche Stressoren (Kastration, Enthornung, Impfung, ...) sollten während dieser Zeit vermieden werden. Vor dem Abtränken sollten Kälber in der Lage sein, mindestens 1.36 kg (3 Pfund) Futter von guter Qualität zu sich zu nehmen.

Die Zusammenführung der Kälber nach dem Abtränken sollte nicht in zu grosse Gruppen erfolgen (weniger als 10 Tiere). Eine norwegische Studie zeigte, dass Kälber, die vor dem ersten Monat in Gruppen gehalten wurden, im Vergleich zu einzeln gehaltenen Kälbern eine höhere Mortalität hatten. Bei der Gruppenhaltung bauen Kälber eine hierarchische Ordnung auf und benötigen ausreichend Platz zum Schlafen, am Futtertrog oder an den Tränken. Kälber sind soziale Tiere und fressen gerne zur gleichen Zeit wie der Rest der Gruppe. Es ist daher entscheidend, dass sie dazu nach dem Abtränken die Möglichkeit haben, so dass ihre Futteraufnahme nicht abnimmt. Tröge aus Polyester sind zu bevorzugen, da sie leichter zu reinigen sind. Das zweimalige Füllen der Tröge pro Tag in den ersten 28 Tagen nach der Umstallung hilft, die Futteraufnahme zu erhöhen. Die Tränken sollten täglich kontrolliert und mindestens einmal pro Woche gereinigt werden. Wie bei adulten Rindern benötigen Kälber etwa 4 Liter Wasser pro kg Trockensubstanz des Beifutters.

Konsistenz steht für tiergerechte Fütterungsroutinen. Da auch der Übergang von Milchfütterung auf Festfutter einer Stressbelastung entspricht, helfen konstante Management- und Fütterungszeiten entsprechend der Zeit vor dem Abtränken, eine vertraute Routine beizubehalten. Zwei Wochen lang wird das gleiche Futter wie bei der Milchfütterung verabreicht, dann wird nach und nach gewechselt. Wenn die Tröge an drei aufeinanderfolgenden Morgen leer sind, kann die Futteraufnahme um 0.5 kg pro Tier und Tag erhöht werden. Ziel ist es, eine Trockensubstanzaufnahme von 3-4 % des Körpergewichts zu erreichen. Das Kalb braucht etwa zwei Wochen, um sich an die Veränderungen in der Ernährung und der Umgebung zu gewöhnen. Planen Sie eine Woche vor und 2 bis 3 Wochen nach der Zusammenführung keine tierärztlichen Eingriffe. Kälber sollten 9 bis 10 Wochen alt sein, wenn sie in Gruppen zusammengeführt werden, und dann bis zu einem Gewicht von 160-180 kg dort gemeinsam bleiben.

Kalorien steht für eine adäquate Nährstoffversorgung. Das Starterfutter sollte von hoher Qualität sein. Eine Totalmischration (TMR) mit Maissilage oder Grassilage ist keine gute Option für Kälber in der Übergangsphase, da frisch entwöhnte Kälber nicht über eine ausreichende ruminale Fermentationskapazität verfügen. Frisch abgesetzte Kälber sollten für mindestens weitere 2-3 Wochen das gleiche Futter erhalten, das sie vor dem Absetzen bekommen haben. Die Übergangsfütterung sollte Körnermais, pelletierte Proteinträger, Makro- und Mikronährstoffe sowie 10-15 % Hafer enthalten. Mais- oder Sojaöl oder Melasse helfen, den Durst zu verringern, was wiederum zu einer erhöhten Nahrungsaufnahme führt. Es wird empfohlen, mit einem Futter mit 18 % Rohprotein zu beginnen und die Aufnahme bei einem Gewicht von 150 kg auf 16 % zu reduzieren. Grundfutter mit hohem Rohfasergehalt kann den Energiegehalt des Kälberfutters reduzieren – das ist nicht sinnvoll, da eine ausreichende Energieaufnahme wichtig für ein gut funktionierendes Immunsystem ist.

Körnermais hat eine gute Schmackhaftigkeit und ist eine hervorragende Energiequelle. Die Kälber kauen einen Grossteil des Maises schon beim Fressen und erneut während des Wiederkauens, wodurch eine für die intensive Fermentation im Pansen optimale Partikelgrösse erreicht wird. Heu von guter Qualität in einer Menge von 0.5-1 kg pro Tag ist in dieser Zeit ausreichend, da die Pansenkapazität von Kälbern mit einem Gewicht von 160 bis 180 kg begrenzt ist.

Zusammenfassend gilt, dass die Umsetzung von Managementpraktiken, die die "drei K" Komfort, Konsistenz und Kalorien gewährleisten, die Gesundheit und Leistung von Kälbern nach dem Abtränken in der Übergangsphase wesentlich verbessern.

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The Effect of Behavioural Indicators of Calf Discomfort Following Routine Procedures on Cow

Maternal Care

Turner S P, McIlvaney K, Donbavand J, and M J Turner (2020)

Animals 10: 87; doi:10.3390/ani10010087.

Ziel dieser Studie ist es zu untersuchen, ob Mutterkühe empathisch auf schmerzinduziertes Verhalten und Erregung ihrer Kälber reagieren, nachdem diese Ohrmarken erhalten haben (männlich und weiblich) bzw. mit einem Gummiring kastriert wurden (männlich). Empathie beschreibt dabei eine emotionale Reaktion bei dem Beobachten der Erlebnisse einer anderen Person.

Die Studie wurde am SRUC Beef Research Center in Schottland an 58 Aberdeen Angus x Limousin-Kühen und ihren Kälbern durchgeführt. Das Verhalten und die Aktivität der Kälber wurden 20 min vor und 2 Stunden nach der Manipulation kontinuierlich aufgezeichnet, während das mütterliche Verhalten 20 min vor und 30 min nach der Manipulation ihres Kalbes erfasst wurde.

Der Eingriff am Kalb erfolgte im Mittel 14.5 Stunden nach der Geburt. Die durchführende Person betrat die Box, führte das Kalb vor die Box, wog es und zog ihm dann die Ohrmarke ein und führte ggf. die Kastration mittels Gummiring durch. Die Fixierung erfolgte manuell. Es wurden keine Anästhetika oder Analgetika verwendet, was der üblichen Praxis im Vereinigten Königreich entspricht.

Die Häufigkeit von Trippeln, Schwanzwedeln, Ohrenzucken und Kopfbewegungen sowie die Häufigkeit und Dauer des Stehens und Laufens nahmen alle nach der Manipulation zu, während die Dauer des Liegens mit gesenktem Kopf abnahm. Die Verhaltensweisen der Kälber wurden in PC1 und PC2 eingeteilt, wobei PC1 mit Aktivität und dem aktiven Ausdruck von Schmerzindikatoren (z. B. Schwanzbewegungen, Kopfbewegungen) verbunden ist, während PC2 einer reduzierten Aktivität mit erhöhtem Ausdruck aktiver und passiver Schmerzindikatoren (z. B. Körperspannung, Stampfen, Liegen) entsprach. Auffallend waren erhebliche interindividuelle Unterschiede im Verhalten der Kälber nach dem Eingriff.

Das Verhalten der Kühe veränderte sich deutlich als Reaktion auf die Behandlung ihres Kalbes mit Ausnahme des Fressverhaltens, das sich zwischen den Zeiträumen vor und nach der Behandlung des Kalbes nicht änderte. Die zum Kalb orientierten Verhaltensweisen der Kühe verdoppelten sich ungefähr nach den Manipulationen an ihren Kälbern. Dabei zeigten die Kühe eine stärkere Zunahme der Interaktion mit dem Kalb, wenn dieses CP1-Verhaltensweisen zeigte, was darauf hindeutet, dass sie auf erhöhte Aktivität und aktive, schmerzspezifische Verhaltensäusserungen reagierten. Die Kühe änderten ihr Verhalten kaum bei Lethargie der Kälber bzw. bei Manifestation der unter CP2 erfassten aktiven und passiven Schmerzindikatoren. Männliche Tiere erreichten eine höhere Punktzahl für PC2. Dies könnte bedeuten, dass diese Verhaltensweisen die diffuse, viszerale und chronischere Natur der durch die Kastration mit dem Gummiring verursachten Schmerzen widerspiegeln im Vergleich zu akuteren und lokal begrenzten Schmerzen bei Einziehen der Ohrmarken.

In dieser Studie wurden die Kälber am ersten Lebenstag belastet, wie es im Vereinigten Königreich üblich ist. Die Autoren der Studie erwarteten, dass die mütterliche Pflege in dieser für das Kalb besonders kritischen Phase besonders ausgeprägt sein würde. Es zeigte sich jedoch, dass die neuroendokrinen und elektroenzephalografischen Reaktionen auf die Kastration mit dem Alter des Kalbes zunehmen. Es ist möglich, dass auch die Verhaltensreaktionen vom Alter abhängen und dass die Reaktionen neugeborener Kälber zu subtil sind, um von der Kuh erkannt zu werden. Es ist auch möglich, dass der Stress der kürzlich erfolgten Kalbung die Art und Weise beeinflusst, wie sich die Kuh um das Kalb kümmert. Die Punktzahl, die die Kühe auf der Skala für Abwehrverhalten erreichten, während die Person das Kalb behandelte, hatte keinen Einfluss auf die sechs Verhaltensmerkmale der Kühe, die 30 min nach dem Verlassen des Kalbes gemessen wurden. Dies lässt vermuten, dass die Sensibilität der Kühe für das Verhalten ihres Kalbes nicht durch ihr Abwehrverhalten beeinflusst wird.

Kühe reagieren somit empfindlich auf das Erregungsniveau des Kalbes einhergehend mit spezifischen Reaktionen auf aktiven Schmerz. Allerdings scheinen die Kühe ihr Verhalten nicht in Abhängigkeit von der Ausprägung passiver Schmerzverhaltens zu ändern. Es wäre interessant zu testen, ob das Verhalten der Kühe bei älteren Kälbern mit Schmerzsymptomatik noch deutlicher beeinflusst wird.

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