Stress bei Tierärzten

Was bedeutet für Dich Stress?

Für mich ist der private klar vom beruflichen Stress zu unterscheiden. Wenn ich beispielweise Unstimmigkeiten mit der Partnerin oder den Eltern habe, dann verursacht das je nach Ausmass grossen Stress.

Beruflicher Stress ist für mich nicht das Arbeitspensum als solches, sondern eher schwierige Kunden oder schwierige Fälle. Was fast noch stressiger ist für mich, wenn wir im Team Dysbalancen haben oder wenn ansonsten völlig normale Alltagsabläufe plötzlich nicht mehr funktionieren und unklar ist wieso.

Wie wirkt sich Stress bei Dir körperlich und psychisch aus?

Ich schlafe wie ein Stein.  Wenn ich wirklich viel Stress habe, können Magen-Darm Beschwerden auftreten, ich bin leichter reizbar und müde und möchte nur noch schlafen gehen.

Stress im Berufsalltag, kennst Du das? Wenn ja, wann zum Beispiel?

Klar, kenne ich Stress im Berufsalltag. Die Arbeitsmenge an sich stresst mich gar nicht, im Gegenteil: Es macht mich umso stolzer, wenn ich am Abend eines arbeitsintensiven Tages zurückblicken kann und wir als Team die Arbeit zufriedenstellend bewältigen konnten.
Den grössten Stress im Berufsalltag erlebe ich bei lapidar scheinenden Fällen, die aus unerklärlichen Gründen nicht gut kommen. Da hintersinne ich mich dann und überlege, was ich wohl übersehen habe und was ich hätte besser machen können. Wenn die Kunden dabei gut mitmachen, dann geht’s noch. Ich strebe eine saubere Kommunikation mit dem Kunden an, versuche die Möglichkeiten und Optionen aufzuzeigen und respektiere ihre Entscheidungen. Dennoch gibt es immer wieder Kunden, welche eine sichere Prozent-Angabe über die Prognose möchten. Ihnen versuche ich dann klarzumachen, dass wir mit Lebewesen zu tun haben und nicht mit Motoren, bei welchen wir einfach Einzelteile ersetzen können und damit mit fast 100%-iger Sicherheit sagen können, dass danach wieder alles einwandfrei funktioniert. Wenn Kunden dafür das Verständnis nicht haben, dann empfinde ich das als schwierig und zum Teil auch als stressig.

Wie sieht Dein Arbeitsalltag aktuell aus (Stunden, Dienste, Praxismanagement, Personalmanagement, etc.) ?

Vom Arbeitsalltag her arbeite ich offiziell die 9 Stunden (lacht) und mache an 6 von 7 Nächten pro Woche Dienst. Mit dem Praxis- und Personalmanagement habe ich als Tierarzt glücklicherweise sehr wenig zu tun, da dies an Angestellte delegiert wurde. Das heisst ich mache kein Personalwesen, keine Bestellungen und keine Administration. Abgesehen von einem Personalwechel bin ich in meiner Arbeitszeit wirklich «nur» als Tierarzt tätig. Das nimmt mir viel Stress weg.

Was verursacht bei Dir Stress im Praxisalltag?

Es stresst mich, wenn ich wegen X Kleinigkeiten angerufen werde und so immer wieder in meiner Arbeit unterbrochen werde.
Es stresst mich auch, wenn ich am Morgen, wenn ich auf Grosstiertour möchte, nicht loskomme, weil Mitarbeiter mit mir noch Sachen besprechen möchten. Es stresst mich nur deshalb, weil ich weiss, dass ich mit meiner Tour bis zu Mittag kaum fertig werde schon bevor ich überhaupt losgefahren bin. Dass Mitarbeiter auf mich zu kommen und das Gespräch suchen, begrüsse ich an und für sich sehr.

Das mittlerweile weitverbreitete Dogma, dass man so viel wie möglich für so wenig wie möglich haben möchte, kann mich schon stressen - vor allem dann, wenn ich es wiederholt von denselben Personen zu hören bekomme. In der Schweiz überlebt kein Landwirt, weil er ein Kalb mehr oder weniger durchbringt, sondern fast einzig und allein auf Grund der Direktzahlungen, welche meiner Meinung nach bei uns immer noch sehr grosszügig sind. Wenn man sich die Statistik eines Landwirtschaftsbetriebes einmal anschaut, machen die Tierarztkosten auf Betriebsebene praktisch nichts an Kosten aus. Im Vergleich zu den Maschinenkosten ist das ein Tropfen auf den heissen Stein. Da fehlt mir dann manchmal etwas das Verständnis, wenn ein Kunde sich immer wieder über die Tierarztkosten beklagt. Ich empfinde es als ungerechtfertigt für den Service, den wir 24/7 anbieten.

Personalwechsel ist ein immenser Stressfaktor. Der eigentlichen Kündigung geht eine unstimmige und belastende Zeit voraus. Danach das gesamte Bewerbungsverfahren: Die Bewerbungen durchgehen, Bewerbungsgespräche führen, Leute beurteilen beim Probeschaffen - das alles kostet einfach ungemein Zeit, welche für andere Dinge gebraucht werden könnten.

Wie sieht es mit Stress durch häufige Nacht- und Wochenenddienste aus? Merkst Du da körperlich etwas, bist Du genauso unternehmenslustig? Oder fühlst Du Dich durch die Dienste auch manchmal eingeschränkt?

Dienste verursachen bei mir absolut keinen Stress. Wenn ich schlafe, dann schlafe ich wie ein Stein (lacht). Dies ist nicht das Problem. Es gibt vielleicht zwei Dienste im Jahr, die ich als etwas stressiger empfinde: Wenn ich beispielsweise den gesamten Samstag bis um 22 Uhr voll gearbeitet habe, heimkomme, etwas esse, Dusche und ins Bett gehe und bereits nach 10 Minuten das Notfalltelefon wieder klingelt… ich wieder unterwegs bin bis 2 Uhr, heimkomme und nach kurzem Schlaf das Telefon erneut klingelt. Hätte ich dies drei, vier Tage/Nächte hintereinander, dann wäre der Schlafmangel auch ein Stressfaktor für mich. Ansonsten eigentlich nicht.

Würdest Du von Dir sagen, die Work-Live-Balance stimmt aktuell? Wenn nein, was müsste ändern, dass sie stimmen würde? Kann das Ziel in der jetzigen Situation erreicht werden?

Für mich stimmts im Moment total. Solange ich meine Hobbies leben kann, welche die meisten mit meinen eigenen Tieren zu tun haben, dann passt das für mich. Ich habe das Glück, dass ich entspannter werde, wenn ich um Tiere sein darf. Dies ist so schön an meinem Beruf, ich habe meine Stresstherapeuten täglich bei der Arbeit dabei, wobei meine eigenen Tiere schon ihren speziellen Stellenwert haben.

Wie versuchst Du, kurz- und langfristig mit Stress umzugehen?

Es ist wichtig, dass man versucht, sich Inseln zu schaffen. Ich mach ab und zu mal ein Wochenende frei, dann müssen die anderen Mitarbeiter arbeiten. Dies war für mich jedoch kurz nach der Gründung der Praxis schwierig, weil ich dann, vor allem wenn ich auch örtlich weg war, das vollständige Vertrauen haben musste. Ich musste lernen, die Praxis zwischendurch auch mal loszulassen. Dies habe ich aber in der Zwischenzeit gelernt.

Stress ist im Alltag von Tierärzten omnipräsent. Wie im Interview beschrieben, kann Stress auf vielfältige Weise im Arbeitsalltag entstehen. In Grossbritannien beispielsweise wird der Arbeitsalltag von 80 % der Tierärzte als stressig empfunden. Wichtige Stressoren sind: die Anzahl der Arbeitsstunden, der Bereitschaftsdienst nach Feierabend, berufliche Fehler, Kundenbeschwerden oder sogar Rechtsstreitigkeiten. Als weiterer wichtiger Stressor, kann eine finanzielle Verschuldung im Studium oder beim Führen einer eigenen Praxis hinzukommen. In diversen Publikationen konnte gezeigt werden, dass Stress, Angstzustände, Depression und Burnout bei den Tierärzten weitaus häufiger auftreten als in der allgemeinen Bevölkerung. In einer Studie aus den USA wiesen 67 % der Tierärztinnen und 53 % der Tierärzte klare Anzeichen eines Burnouts auf.  In einer finnischen Studie zeigten 40 % Symptome eines milden Burnouts und 73 % der Tierärzte waren sehr gestresst. Stresssymptome, Erschöpfungszustände und Burnouts kommen bei Tierärzten, welche in der Allgemein- und oder Kleintierpraxis oder an der Universitätsklinik praktizieren, in den ersten 5 Jahren nach Studiumabschluss oder in Anstellung gehäuft vor.

In einer Umfrage unter Tierärzten in Grossbritannien wurde berichtet, dass der Tod von Tieren durch Krankheit oder Euthanasie bei einem grossen Teil der Befragten erhebliche kurz- und langfristige emotionale Reaktionen auslöst, die möglicherweise für die Entstehung von Depressionen relevant sein könnten. In einer deutschen Studie konnte gezeigt werden, dass Arbeitszeiten über 48 Stunden signifikant mit einem erhöhten Arbeitsstressempfinden und einer erhöhten Inzidenz für Verkehrsunfälle korrelierten.

Veterinärmediziner haben eine etwa viermal so hohe Suizidrate wie die Allgemeinbevölkerung und eine etwa doppelt so hohe wie in anderen Gesundheitsberufen. Arbeitsbedingte Faktoren spielen eine grosse Rolle bei psychischen Krankheiten, wie Depression, Erschöpfungszustände, Burnout, sowie erhöhten Suizidraten. Wichtige Faktoren dabei sind: lange Arbeitszeiten, -überlastung, das Gefühl der Verantwortung bei der Arbeit nicht gewachsen zu sein, die Notfalldienste, wenig Entscheidungsfreiraum in der Arbeitsgestaltung, hohe Anforderungen und Druck und die damit verbundenen Auswirkungen auf das Privatleben, wie berufliche und soziale Isolation sowie Alkohol- oder Drogenmissbrauch (hauptsächlich verschreibungspflichtige Medikamente, zu denen der Berufsstand leichten Zugang hat). Der Zugang zu tödlichen Medikamenten hat einen grossen Einfluss auf die Suizidrate. Es erstaunt daher kaum, dass die Selbstvergiftung, die häufigste gewählte Selbstmordrate bei Tierärzten ist (um die 80 % aller Suizide bei Veterinären). Dennoch scheint dies nicht der einzige wichtige Faktor zu sein, da die Suizidrate auch dann erhöht ist, wenn keine Verfügbarkeit von tödlichen Medikamenten vorhanden ist. Die Einstellung zum Tod und zur Euthanasie und zur Entbehrlichkeit des Lebens, die durch die routinemäßige Beteiligung des Berufsstandes an der Euthanasie von Haustieren und der Schlachtung von Nutztieren stattfindet, scheint ein weiterer wichtiger Faktor zu sein.

Zusätzlich scheinen Kundenbeschwerden eine wichtige Rolle zu spielen. Die tierärztliche Praxis nimmt eine schwierige und komplexe moralische Position ein, da sie tierischen und menschlichen Interessen dient, die miteinander in Konflikt stehen können. Ethische Herausforderungen sind alltäglich, da Tierärzte versuchen, ein Gleichgewicht zwischen ihren Verpflichtungen zur Gewährleistung des Wohlergehens ihrer Patienten zu gewährleisten und gleichzeitig den Erwartungen oder Forderungen der Tierhalter gerecht zu werden, oft unter strengen wirtschaftlichen Zwängen.

Studienabgänger sind besonders gefährdet in eine Abwärtsspirale zu gelangen, da sie abrupt vom universitären Umfeld in den Praxisalltag, mit häufig wenig Unterstützung bei der Einarbeitung, das grosse Pensum an Bereitschaftsdienst, dem immensen Druck gegenüber dem Kunden wechseln. Es können daher berufliche Fehler passieren, die erhebliche emotionale Auswirkungen haben können und bei der Entwicklung von Selbstmordgedanken eine Rolle spielen können. 

Es scheint daher wichtig, dass trotz der grossen Änderungen im Bereich der Arbeitssicherheit und -Zeiten Regelung weiterhin das Augenmerk auf gute Arbeitsbedingungen gelegt wird. Der immense Druck und die grossen Anforderungen bei der Arbeit, der Umgang mit dem Tod werden auch in Zukunft kaum reguliert werden können. Um so wichtiger scheint es daher, dass auf eine gute soziale Zusammenarbeit mit einer offenen Kommunikation, eine faire Arbeitszeitenregelung und Entlöhnung geachtet wird.

Das Interview wurde mit einem Tierarzt einer uns bekannten Grosstierpraxis geführt. 

Literatur:

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