Webinar «Labmagengeschwüre bei Kuh und Kalb» vom 05.10.2022

Entzündungen der Labmagenschleimhaut und mehr oder weniger tiefe Labmagengeschwüre bei Kälbern wie auch Kühen sind gefürchtet bei Mästern und Milchviehhaltern. Was sind die wichtigsten Risikofaktoren, wie entwickelt sich das Krankheitsgeschehen, welche Möglichkeiten ergeben sich für die Behandlung und kann man eine effektive Vorbeugung betreiben? Diese Fragen standen im Fokus des Vortrages von Ramona Deiss, RGS-Tierärztin mit langjähriger Erfahrung in der Rinderpraxis und Bestandsbetreuung von Milchviehbetrieben.

Im Labmagen wird Salzsäure und Pepsin produziert, die das verdaute Futter aus den Vormägen weiter aufschliesst, bevor der Futterbrei in den Dünndarm weitergeleitet wird.

Ein gesunder Labmagen besitzt – wie der menschliche Magen – eine Reihe von Mechanismen, um die Magenschleimhaut vor der schädlichen Wirkung von Salzsäure und Pepsin zu schützen und die Entstehung von Geschwüren zu verhindern. Zu diesen „Sicherheitsvorkehrungen“ gehören:

  • Produktion von Schleimstoffen als Schutzschicht für die empfindliche Schleimhaut (die Bildung von Schleimstoffen wird durch bestimmte Prostaglandine aktiviert)
  • Bildung von Puffersubstanzen (Bicarbonat)

Sind diese Mechanismen gestört, kann die im Labmagen produzierte Säure die Schleimhaut und die darunter liegenden Gewebeschichten angreifen und zerstören, genau wie bei Magengeschwüren des Menschen.

Folgende Risikofaktoren sind für die Entstehung von Geschwüren bekannt:

  • Behandlungen mit nicht-steroidalen Antiphlogistika (NSAIDs) oder Corticosteroiden
  • jegliche Form von Stress (Freisetzung von Cortisol)
  • Fütterungsfehler

Bei den Schäden am Labmagen unterscheidet man verschiedene Typen:

  • Typ 1: oberflächliche Schleimhautveränderungen (meist symptomlos und Nebenbefund bei Schlachtungen)
  • Typ 2: Schleimhautverletzung mit Blutung (verdautes Blut zeigt sich durch Schwarzfärbung des Kots)
  • Typ 3: Labmagengeschwür durchbricht die Labmagenwand, wird aber abgekapselt (Abszess am Labmagen)
  • Typ 4: durchgebrochenes Labmagengeschwür; der Labmageninhalt entleert sich in die Bauchhöhle und es entsteht eine grossflächige Bauchfellentzündung
  • Typ 5: durchgebrochenes Labmagengeschwür; der Labmageninhalt verteilt sich aber nur im angrenzenden Netzbeutel und nachfolgender massiver lokaler Entzündung

Die Diagnosestellung ist nicht einfach und für Tierärzte häufig frustrierend. Erkrankte Kühe und Kälber werden meistens erst dann vorgestellt, wenn es bereits zu spät ist (Typ 3 bis 5). Ein blutendes Labmagengeschwür (Typ 2) kann dagegen relativ einfach erkannt werden («Teerkot», blasse Schleimhäute, hohe Herzfrequenz und niedriger Hämatokrit bei der Blutuntersuchung).

Therapien bei Typ 3 bis 5 sind nahezu aussichtslos. Therapiemöglichkeiten für Typ 2 Labmagengeschwüre bestehen für das Rind als lebensmittellieferndes Tier in begrenztem Umfang:

  • Magnesiumhydroxid (z.B. in komplexen Diättränken für Kälber)
  • Omeprazol (Umwidmung von den Pferden)

Beide Medikamente sind Antazida (Anhebung des pH-Wertes im Magen) und werden oral eingegeben. Somit kommen sie nur für den Einsatz beim Kalb in Frage, da diese noch einen vorhandenen Schlundrinnenreflex haben, der gewährt, dass die Medikamente direkt im Labmagen ankommen. Als Alternative für ruminierende Rinder wird Magnesiumoxid genannt, das zwar zur Behandlung der Hypomagnesämie bestimmt ist, aber auch eine gewisse antazide Wirkung hat.

Wichtig ist weiterhin, den entstehenden Blutverlust auszugleichen und die Blutgerinnung zu unterstützen durch

  • Blutübertragung
  • Etamsylat
  • Calciumgaben

Antibiotische Behandlungen sind bei Typ 2 Geschwüren nicht erforderlich. Der Einsatz von Schmerzmedikamenten ist kontrovers. Einerseits wird dadurch weniger «Schmerzstress» entstehen, andererseits senken diese Medikamente die Produktion von schützendem Schleim im Labmagen. Als Kompromiss wird Metamizol empfohlen, dessen Nebenwirkungen auf den Labmagen eher moderat sind.

In Betrieben mit gehäuftem Vorkommen steht die Prophylaxe an vorderster Stelle. Mögliche «Stress» Faktoren sind aufzuspüren und zu vermeiden.

Bei Kühen ist bekannt, dass Labmagengeschwüre hauptsächlich im 1. Laktationsmonat auftreten.  Der Fokus liegt also in einem guten Abkalbemanagement, optimaler Transitfütterung mit Vermeidung von Stoffwechselerkrankungen (Milchfieber, Ketose, Pansenazidose) und weiteren Erkrankungen im Puerperium (Nachgeburtsverhaltung, Metritis, Mastitis).

Bei Kälbern stehen folgende Faktoren und Massnahmen im Mittelpunkt:

  • Geburt (Schwergeburten vermeiden und gute Kolostrumversorgung)
  • Hunger (intensives Tränken in den ersten Lebenswochen; die althergebrachte Meinung, dass grosse Tränkemengen die Entstehung von Geschwüren begünstigt oder zu den sog. Pansentrinkern führt, konnte in aktuellen Untersuchungen widerlegt werden).
  • Klima (Kälberdecken in kalter Jahreszeit, ausreichende Frischluftzufuhr ohne Zugluft)
  • Transport (so kurz wie möglich, so schonend wie möglich)
  • Schmerz (z.B. Enthornung nicht in zeitlichem Zusammenhang mit einer Umstallung)
  • Sozialer Stress (Gruppengrösse, Platz pro Tier)
  • Futterangebot (qualitativ gutes Rauh- und Kälberaufzuchtfutter sowie Wasser)
     

Den zweiten Teil des Webinars bestritt Jürg Buchmann. Er ist Landwirt und bewirtschaftet seit vielen Jahren seinen Betrieb mit Fresseraufzucht und Grossviehmast Im Kanton Schaffhausen. Regelmässig werden Gruppen von Tränkern aufgestallt – und regelmässig gilt es, Probleme mit dem Magen-Darm-Trakt in den ersten Tagen und Wochen zu verhindern.

Grundsätzlich kauft er in zweiwöchigen Intervallen 10 bis 30 Kälber auf einer eigenen «Sammeltour» in etwa 20 benachbarten Milchviehbetrieben. Auf den Geburtsbetrieben wird bereits eine Impfung gegen Bronchopneumonie durchgeführt, die zusammen mit dem Kaufpreis honoriert wird. Ein schonender Transport der Kälber ist ihm sehr wichtig (maximal 4 Stunden Dauer mit viel Platz auf dem Hänger («Ich fahre lieber zweimal!»). Die Kälber kommen in eine Gruppenbucht auf Stroh in den Kälberstall. Es gibt immer eine feste Gruppe, aus der die Tiere nicht verstellt werden. Herr Buchtmann arbeitet ohne Tränkeautomat, sondern mit Milcheimern und Kälbertaxi. Er sieht darin einen enormen Vorteil, weil eine bessere Tierbeobachtung möglich ist. Bei den fixierten Kälbern wird täglich Fieber gemessen sowie Atmung und Kotkonsistenz überprüft. Er tränkt ein hochwertiges Milchpulver mit 130 g/L in den ersten 4 Wochen zweimal täglich, in Woche 5 und 6 nur noch einmal und legt in der 7. Woche nur noch Festfutter vor. Die Eimer und Nuggis mit Klicksystem statt Schraubverschluss werden einmal täglich auseinandergenommen und gereinigt. Nachdem die Kälber in den Fresserstall gezügelt sind, wird die Bucht entmistet, gereinigt und eine Woche leer gelassen.

Die Zusammenarbeit mit dem KGD kam vor etwa zwei Jahren zustande, als es grosse Probleme mit der Lungengesundheit bei den Tränkern gab. Die Empfehlungen zur Haltung der Kälber in festen Gruppen, ein verbessertes Hygiene- und Transportkonzept sowie Impfungen auf den Herkunftsbetrieben haben insgesamt zu einer zufriedenstellenden Tiergesundheit geführt.

Sie können das komplette Webinar und weitere nochmals anschauen unter: https://www.rgs-sbs.tv

 

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