Webinar «Weniger Antibiotika» vom 2. November 2022

Gesündere Aufzucht- und Mastkälber mit weniger Antibiotika – aber wie?

 

Es wurden drei verschiedene Projekte vorgestellt, welche in den vergangenen und kommenden Jahren die Möglichkeiten untersucht haben und untersuchen werden, um Kälber mit weniger Antibiotika aufzuziehen.

 

Text: Helen Huber

 

Im ersten Referat erläuterte Jens Becker von der Vetsuisse-Fakultät in Bern das Projekt "Freiluftkalb". Ziel sei es gewesen, den Einsatz von Antibiotika durch eine Minimierung von Risikofaktoren um 50% zu reduzieren, und zwar ohne Beeinträchtigung von Tiergesundheit und Tierwohl. Zudem sollten die Resistenzmuster der bei den Kälbern nachweisbaren Bakterien (speziell E. coli und Pasteurellaceae) erfasst werden. Zunächst wurde eine Analyse der Risikofaktoren durchgeführt und folgende zentralen Risikofaktoren ermittelt: Kälberzukauf, fehlende Quarantäne, geteilter Luftraum mit anderen Tieren, fehlende Impfung gegen Kälbergrippe, Gruppengrösse > 10 Kälber sowie Gewichtsunterschiede in einer Kälbergruppe von > 100 kg. Für das Projekt wurden 38 IP-Suisse Betriebe ausgewählt, und zwar 19 Betriebe ohne Veränderungen in der Kälberaufzucht und 19 Betriebe, welche nach den Projektrichtlinien arbeiteten (sog. Interventionsbetriebe Freiluftkalb, IF-Betriebe). Die 38 Betriebe mit insgesamt ca. 1’000 Kälbern wurden über ein Jahr begleitet und die Behandlungen auf Einzeltierebene erfasst. Jedem IF-Betrieb wurden ein Milchtaxi, Einzeliglus sowie gedeckte Gruppeniglus kostenlos zur Verfügung gestellt. 17 von 19 Betrieben wollten das Material nach dem Projekt zu einem günstigen Preis übernehmen. Ein Problem ist jedoch, dass der gedeckte Auslauf nicht RAUS-kompatibel ist – obwohl das eigentlich sinnvoll wäre. Auf Vergleichsbetrieben wurden meist weiterhin Tränkeautomaten mit ad libitum-Tränke eingesetzt.

 

Wichtig waren im Projekt (a) der direkte Zukauf von Geburtsbetrieb zum Mäster aus naher Umgebung, (b) eine Quarantäne für mindestens 3 Wochen aller neu aufgestallten Kälber in Einzeliglus, (c) die Impfung gegen Kälbergrippe und (d) die Mast unter Aussenklimabedingungen im Freien in Gruppeniglus mit maximal 10 Kälbern auf 75 m2. Es wurde keine ad libitum-Fütterung durchgeführt, weil die zweimalige tägliche Tierbeobachtung beim Tränken als notwendig betrachtet wurde.

 

Die Resultate finden sich zusammengefasst in der folgenden Tabelle:

 

Parameter

«Freiluftkalb»

Vergleichsgruppe

p-Wert

Anzahl der Tiere

900

1005

Anzahl Herkunftsbetriebe

10.9 ± 6.2

16.1 ± 11.8

0.21

Mittl. Transportdistanz (km)

19.0 ± 25.4

37.8 ± 41.9

0.01

Abgangsrate auf Mastbetrieb [ % ]

3.1 ± 2.3

6.3 ± 4.9

0.02

Mittlere tägliche Zunahme [ kg/Tag ]

1.29 ± 0.17

1.35 ± 0.16

0.24

Anteil behandelter Tiere (%)

15.1 ± 11.5

56.0 ± 24.3

<0.001

Anzahl Behandlungen pro behandeltem Tier

1.66 ± 0.59

2.43 ± 0.86

0.002

Mittl. Anzahl Behandlungstage pro Kalb pro Jahr

5.9 ± 6.5

31.5 ± 27.4

< 0.001

Lungenveränderungen zum

Zeitpunkt der Schlachtung [%]

26

46

<0.001

Anteil Schlachtkörper mit Fettklasse 3 [%]

47 ± 20

64 ± 17

0.003

Fleischfarbe [L-Wert]

44.2 ± 3.3

44.1 ± 3.3

0.90

 

Die Resistenzen von E. coli und Pasteurellaceae wurden bei Isolaten bestimmt, die aus Rektal- und Nasentupfern angezüchtet wurden. Die Tupferproben wurden am Anfang und am Ende der Mastperiode (nach 4 Monaten) entnommen. Dabei zeigte sich eindeutig, dass in Isolaten aus IF-Kälbern signifikant weniger Resistenzen nachweisbar waren als bei Bakterien, die aus Kälbern der Vergleichsgruppe isoliert worden waren.

 

Es lässt sich schlussfolgern, dass die Erzeugung von Kalbfleisch mithilfe des Konzepts «Freiluftkalb» zu einer drastischen Senkung des Einsatzes von Antibiotika einhergehend mit Verbesserungen bei Tierwohl und Tiergesundheit führte. Die Herausforderung besteht nun darin, die Marktteilnehmer von der Sinnhaftigkeit zu überzeugen – und darauf zu drängen, dass eine Überdachung der Haltungsbereiche der Kälber auch unter RAUS-Bedingungen statthaft wird.

 

Im zweiten Referat stellte Martin Kaske vom Kälbergesundheitsdienst das Projekt "KGD-Tränker" vor. Er erläuterte, dass pro Jahr in der Schweiz ca. 200'000 Mastkälber und ca. 200'000 Tiere aus der Grossviehmast geschlachtet werden. Ein Grossteil der in der Schweiz eingesetzten Antibiotika gehe in die Kälbermast. Die Kälbermast werde jedoch in vielen unterschiedlichen Systemen praktiziert und sei auch nicht grundsätzlich «schlecht», da dank ihr das saisonal stark schwankende Kälberangebot ausgeglichen werden könne. Das aus anderen Ländern bekannte Problem der «Überschusskälber» bestehe somit in der Schweiz nicht. Zudem erfolge über die Kälbermast eine nachhaltige Veredelung von Nebenprodukten aus der Milchindustrie (Molke).

 

Der Ansatzpunkt des Projektes «KGD-Tränker» sei das sog. «Preconditioning». Darunter versteht man die optimierte Aufzucht von Kälbern auf dem Geburtsbetrieb mit dem Ziel, möglichst robuste und gesunde Kälber in den Handel zu bringen. Ziel war es zu prüfen, welche Konsequenzen dieses «Preconditioning» unter Schweizer Rahmenbedingungen für Tiere auf Kälber- und Grossviehmastbetriebe im Hinblick auf Leistung und Tiergesundheit habe. Entsprechend wurden Geburtsbetriebe rekrutiert, die bereit waren, die Kälber optimiert aufzuziehen (optimale Kolostrumversorgung, ad libitum-Tränke, Eisen- und Selenversorgung, Impfung gegen Kälbergrippe). Diese erhielten pro Tränker einen Mehrerlös von CHF 50 aus Projektmitteln für ihren erhöhten Aufwand.  

 

Für die Ergebnisse aus der Kälbermast wurden 1‘104 KGD-Tränkern mit 1‘265 Handelstränkern verglichen. Mit einem komplexen statistischen Modell liess sich nachweisen, dass die optimierte Aufzucht zu einem höheren Einstallgewicht verglichen mit den Handelstränkern führte (78.4 vs. 74.4 kg), obwohl die KGD-Tränker jünger waren (40.3 vs. 43.4 Tage). Die Mastdauer war kürzer für die KGD-Tränker (97.2 vs. 99.7 Tage) – trotzdem erreichten die KGD-Tränker ein höheres Schlachtgewicht (120.4 vs. 117.6 kg) verglichen mit den Marktkälbern. Die Abgangsraten unterschieden sich nicht. Weniger deutlich waren die Unterschiede im Hinblick auf die Behandlungen. Zwar standen die KGD-Tränker während der Mastperiode kürzer unter Antibiose (19 Tage) als die Marktkälber (23 Tage), der Unterschied erwies sich aber als nicht signifikant. Hier kommt zum Ausdruck, dass auf den Lohnmastbetrieben bei Erkrankungen von Einzeltieren relativ schnell der Entschluss für eine Gruppenbehandlung gefasst wird.

 

Bei den Tieren aus der Grossviehmast wurden sechs Mastbetriebe ausgewertet, die 362 KGD-Tränker im Vergleich zu 555 Marktkälbern aufgestallt hatten. Leider erfolgte dies in der Regel in gemischten Gruppen zusammen mit Marktkälbern. Dabei ergaben sich überwiegend keine Unterschiede im Hinblick auf Mastdauer und tägliche Zunahmen; lediglich auf einem Betrieb war die Mastdauer 34 Tage kürzer und die täglichen Zunahmen bei den KGD-Tränkern höher als bei den Kontrolltieren (1‘385 vs. 1‘311 g/Tag).  Die Anzahl der Tage, an denen die Kälber unter Antibiose standen, variierten auf den Betrieben zwischen 6 und 17 – wiederum ergaben sich keine gerichteten Unterschiede zwischen KGD-Tränkern und Marktkälbern. Das kann jedoch nicht überraschen, da die Antibiotika vorwiegend im Rahmen von Gruppenbehandlungen über den Tränkeautomaten verabreicht wurden – und bei gemischten Gruppen naturgemäss sowohl die KGD- als auch die Marktkälber behandelt wurden. Weitergehende Auswertungen zeigten, dass die täglichen Zunahmen auf dem Mastbetrieb stark vom Gewicht bei der Aufstallung beeinflusst werden. Zusammenfassend hatte eine optimierte Aufzucht der Tränkekälber auf dem Geburtsbetrieb Vorteile sowohl für den Kälber- als auch den Grossviehmastbetrieb, weil die Kälber mit einem höheren Gewicht und besserer Konstitution „an den Start“ gehen. Gleichzeitig gilt, dass die Einflüsse anderer, potentiell problematischer Faktoren auf die Tiergesundheit (wie z. B. Stallklima, Gruppengrösse, Transportstress) bestehen bleiben und u. U. den positiven Effekt der guten Aufzucht auf dem Geburtsbetrieb auslöschen können. Die optimierte Aufzucht gehöre damit stets in ein Gesamtkonzept – und nur wenn sich dies in der Praxis umsetzen lasse, sei der Erfolg im Hinblick auf Tiergesundheit und Produktionsleistungen sicher.

 

Im dritten Referat stellten Stefan Schürmann und Christoph Widmer von Bio Luzern das Projekt "Zuhause gross werden" vor. Grundgedanke ist, dass die Umstallung vom Geburts- auf den Mastbetrieb im frühen Lebensalter noch während der Tränkeperiode eines der Hauptprobleme für die Kälbergesundheit darstellt und somit den Einsatz von Antibiotika massgeblich beeinflusst. Bio-Tränker gehen zurzeit grösstenteils in konventionelle Kälber- und Grossviehmastbetriebe, obwohl geschlossene Kreisläufe im Bio-Landbau eigentlich als wichtig erachtet werden.

 

Ziel des Projektes ist es, Kälber auf dem Geburtsbetrieb abzutränken. Dies führe zu einem stabilen Immunsystem. Bio-Kälber sollten zudem im Bio-Sektor bleiben, um eine hohe Wertschöpfung für Bio-Landwirte zu ermöglichen. Milch und Fleisch im Rahmen eines geschlossenen Systems effizient und glaubwürdig zu produzieren und die Partnerschaft unter Bio-Landwirten zu verbessern.

 

Das Projekt begann Anfangs 2022 und läuft mit den Projektpartnern Bio Suissse, BBZN Luzern, KGD und der Albert Koechlin Stiftung über fünf Jahre. Demeter hat das System bereits aufgegriffen und auch Aldi hat mit der Produktlinie Retour aux sources ähnliche Vorgaben.

 

Teilnehmen können Biomilch-Produzenten der Innerschweizer Kantone LU/OW/NW/UR/SZ, die die Vorgaben für BTS und RAUS für alle Tierkategorien erfüllen, Kälber für 120 Tage auf dem Geburtsbetrieb halten und erst danach an Partnerbetriebe weitergeben. Die Betriebe erhalten einen Beratungsbesuch des KGD und ggf. einen Unkostenbeitrag für notwendige Erweiterungen und Verbesserungen der Stallungen bzw. Haltungsbedingungen. Der Grundbetrag beträgt 500 CHF pro ersten Kälberplatz, dann Reduktion um 2 % bei jedem weiteren Kälberplatz. Die Vermarktung der Tiere läuft über Bell, Silvestri-Milchkalb, Aldi-Weiderinder sowie die Direktvermarktung.

 

Ein Beispiel für das geplante Vorgehen stellte Christof Widmer vor, der einen Geburtsbetrieb bei Sempach/LU bewirtschaftet. Auf dem Geburtsbetrieb wird ein Angus-Stier eingesetzt, damit die Kälber mit geringem Geburtsgewicht geboren werden, was sich nach seinem Eindruck positiv auf die Gesundheit der Kühe auswirke. Die Kalbungen erfolgten saisonal. Die Kälber werden zunächst für 3-4 Wochen mit Ammenkühen gehalten. Anschliessend werden sie, in Gruppen von maximal 20 Tieren, an eine Milchbar gewöhnt. Erkrankungen der Kälber seien sehr selten. Die Tiefstreu im halboffenen Stall werde alle 2 Wochen ausgemistet. Die abgetränkten Kälber würden durch den Partnerbetrieb zu einem Fixpreis abgenommen (männliche Milchrasse-Kälber für 1’125 CHF, weibliche Mastrasse-Kälber für 1’220 CHF und männliche Mastrasse-Kälber für 1’365 CHF). Dieser Preis beinhalte den Tränkerpreis, die anschliessende Betreuung, Tränkemilch sowie ggf. Kosten für die Kastration. Über die gesamte Tränkeperiode würden 600 L Milch pro Kalb vertränkt. Die Investitionskosten für den Umbau waren mit ca. 5’600 CHF gering und beinhalten eine Weide mit ausbruchsicherem Zaun. Die Vorteile für den Weidemastbetrieb ergäben sich aus einer verbesserten Tiergesundheit, gutem Herdentrieb und optimalem Fressverhalten der Tiere sowie einer Klassifizierung von mindestens T3 bei ausschliesslicher Heu- und Weidefütterung, ohne Kraftfutter einzusetzen. Dieses Aufzuchtverfahren lohnt sich auch finanziell für seinen Betrieb, sowie für den Weidemäster.

 

 

 

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