Grüne Kartoffeln – Auslöser des Hemorrhagic bowel syndrome?

Grüne Kartoffeln – Auslöser des Hemorrhagic bowel syndrome (HBS)?

HBS ist die englische Bezeichnung für eine lebensbedrohliche Erkrankung, die mit der massiven Ansammlung von geronnenem Blut im Dünndarm der Kühe einhergeht und letztendlich zu einem Darmverschluss führt. Typische Symptome sind plötzliche Verweigerung des Futters, starker Rückgang der Milchleistung und Kolikerscheinungen mit Zunahme des Bauchumfangs insbesondere auf der rechten Seite.  Der Kot ist anfangs blutig und wird zunehmend schwarzrot (wie Brombeergelee). Im fortgeschrittenen Stadium wird kein Kot mehr abgesetzt.

Eine frühzeitige Operation kann lebensrettend sein – doch je länger der Darmverschluss anhält, umso geringer sind die Erfolgsaussichten. Bereits festliegende Kühe können meist nicht mehr gerettet werden. Zwischen 50 und 100 % der erkrankten Kühe sterben.

Wissenschaft rätselt über die Ursachen

Die Erkrankung betrifft fast ausschliesslich Milchkühe. Gemäss Berichten aus den USA sind vor allem Kühe in der Hochlaktation mit kraftfutterbetonter Ration betroffen.

Die Ursache konnte bislang nicht eindeutig geklärt werden. Es wird eine Beteiligung von Clostridium perfringens Typ A mit Bildung von Giftstoffen (α- und β2-Toxin) diskutiert. Allerdings konnte man HBS nicht experimentell durch diese Toxine auslösen. Denkbar wäre auch, dass das häufige Auffinden von Clostridien eher Folge als Ursache der Erkrankung ist – eventuell führt eine relativ geringgradige primäre Blutung zu einer massiven Vermehrung der stets im Darm nachweisbaren Clostridien, für die Blut ein ideales Nährmedium darstellt. Die Bildung von Toxinen durch die sich rasant vermehrenden Clostridien an der Stelle der Blutung könnte dann zu einer weiteren Schädigung der Darmschleimhaut führen. Auch bei dieser Hypothese bleibt aber die primäre Ursache der Darmblutung unklar.

Grundsätzlich scheinen nicht einwandfreie Futtermittel besonders in der Phase der höchsten Milchleistung den Ausbruch der Erkrankung zu begünstigen und könnten die Ursache für die Darmblutung mit allen Konsequenzen sein. So standen zwei in kurzen Abständen beobachtete HBS-Fälle auf einem Schweizer Milchviehbetrieb in Zusammenhang mit der Verfütterung eines nassen, verklumpten, übelriechenden und damit verdorbenen Leistungsfutters (Braun et al. 2013).

Können grüne Kartoffeln die Ursache sein?

Rindergesundheit Schweiz wurde im vergangenen Monat von einem Betrieb kontaktiert, der bereits seit 12 Jahren immer wieder Kühe durch HBS verliert. Von 14 betroffenen Kühen haben nur vier überlebt. Die Krankheit trat bei fast allen Kühen in der Hochlaktation und überwiegend im Herbst und Winter auf. Es handelt sich um einen professionell geführten Milchviehbetrieb mit 35 Brown-Swiss Kühen mit einer durchschnittlichen Milchleistung von 10'000 kg. Der Betriebsleiter hat sich viele Gedanken gemacht, konnte bislang allerdings die Erkrankung nicht verhindern. Da eine Beteiligung von Clostridium perfingens nicht ausgeschlossen werden kann, entschied er sich in Absprache mit dem Bestandestierarzt im Herbst 2021 für eine Impfung mit einem polyvalenten Clostridien-Impfstoff. Aber auch danach traten noch drei Fälle auf.

Seit Jahren werden auf dem Hof im Herbst und Winter Kartoffeln aus eigenem Anbau verfüttert. Die Kühe erhalten dabei die nicht vermarktungsfähigen Kartoffeln – darunter auch welche mit Beschädigungen und/oder grüner Schale. Derartige Kartoffeln enthalten aber Solanin in höherer Konzentration. Solanin ist ein Glycoalkaloid und sekundärer Pflanzeninhaltsstoff von Nachtschattengewächsen. Es dient der Pflanze zur Abwehr von Schädlingen und Krankheitserregern. Der normale Gehalt liegt bei unter 100 mg Solanin/kg Frischsubstanz. In grünen, geschädigten, gekeimten oder angefrorenen Kartoffeln steigt der Gehalt allerdings stark an. Je höher die Konzentration und je mehr Kartoffeln gefüttert werden, umso höher ist das Risiko für toxische Nebenwirkungen. So verbietet sich die Zubereitung von grünen Kartoffeln für die menschliche Ernährung, um typische Symptome wie Erbrechen, Übelkeit und Durchfall zu vermeiden. Für Rinder sind Referenzzahlen für vertretbare Mengen an Solanin nicht bekannt. So ist es schwierig abzuschätzen, ab welcher Menge Schäden am Tier auftreten. In diesem Betrieb wurde mit 2 kg Kartoffeln/Kuh/Tag eher eine geringe Menge gefüttert. Möglicherweise sind Nebenwirkungen u. a. in Form von Entzündungen der Magen-Darm-Schleimhaut aufgetreten, die dann allenfalls auch zu Blutungen im Dünndarm geführt haben könnten.

Schlussendlich wurde für diesen Betrieb festgehalten, dass in diesem Herbst Winter keine «Mangelware» mehr an die Kühe verfüttert werden soll. Die minderwertigen Kartoffeln wurden stattdessen in eine nahegelegene Biogas-Anlage gebracht. Es werden jetzt nur noch einwandfreie Kartoffeln gefüttert. Fälle von HBS traten in den zurückliegenden Wochen nicht mehr auf. Es bleibt zunächst spekulativ, ob die Verfütterung der grünen Kartoffeln ursächlich für die Häufung von HBS-Fällen auf dem Betrieb war – doch grundsätzlich gilt, dass insbesondere in der Früh- und Hochlaktation auf die Verfütterung jeglicher, potentiell problematischer Futtermittel verzichtet werden sollte.

Literatur:

Braun U., Gerspach C., Hässig, M.: Haemorrhagic bowel syndrome associated with ingestion of spoiled concentrate in two Brown Swiss cows. Vet. Rec. 2016; 6;179

 

 

 

 

 

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