12.08.2019 - Vet’s Corner 7/2019

Vets Corner 07/19

Welche Anstrengungen muss die Branche hinsichtlich intensiver Tierhaltung unternehmen, um die Erwartungen der Öffentlichkeit an unsere zukünftigen Betriebe zu erfüllen? Und inwiefern kann die sog. „motivierende Gesprächsführung“ bei Bestandesberatungen zu einer verbesserten Herdengesundheit beitragen? Neue Erkenntnisse aus der internationalen Forschung finden Sie im Folgenden kurz zusammengefasst.

 

Rethinking intensive animal agriculture and meeting public expectations for our future farms

Die intensive Tierhaltung überdenken und die Erwartungen der Öffentlichkeit an unsere zukünftigen Betriebe erfüllen

Von Keyserlingk M. A. G., Hötzel M. J., Weary D. M.

Die Sensibilisierung der Konsumenten hinsichtlich landwirtschaftlicher Praktiken durch eine intensive Öffentlichkeitsarbeit kann einerseits Wissen vermitteln, andererseits aber auch die Akzeptanz für bestimmte Themen beeinflussen. Allerdings müssen dafür die Praktiken mit den öffentlich anerkannten Werten zum Beispiel im Hinblick auf Tierschutz übereinstimmen. Konsumenten fordern zunehmend naturnahe Produktionssysteme. Doch die Vorstellungen der Laien vom artgerechten Verhalten der Nutztiere unterscheiden sich oftmals vom tatsächlichen Verhalten, wie eine Studie der kanadischen Forschungsgruppe zeigt. Die Branche wird noch mehr gefordert sein, Optionen zur stärkeren Berücksichtigung von Tierwohl in die bisherigen Produktionssysteme zu integrieren und mit wissenschaftlich fundierten Konzepten weiterzuentwickeln.

Die kanadische Forschergruppe unter Leitung von Marina von Keyserlingk untersuchte, ob eine intensive Aufklärung der Öffentlichkeit über landwirtschaftliche Praktiken die Bereitschaft zur Akzeptanz dieser Systeme verbessern kann. Anschliessend wurde die Literatur kritisch dahingehend überprüft, ob intensivere Praktiken tatsächlich die Tiergesundheit und -produktivität verbessern. Es wurden Beispiele für praktische Möglichkeiten untersucht, um das Tierwohl in aktuellen Produktionssystemen der Tierhaltung zu integrieren, dadurch das Wohlbefinden der Nutztiere zu verbessern und so möglicherweise die Akzeptanz dieser Systeme in der Öffentlichkeit zu erhöhen.


Aufklärung der Öffentlichkeit

Die Aufklärung der Konsumenten über den Wert des Tierschutzes kann dazu beitragen, die landwirtschaftlichen Produktionssysteme tiergerechter zu gestalten. Es gibt andererseits Hinweise, dass Öffentlichkeitsarbeit zwar das Fachwissen der Konsumenten beeinflusst, jedoch nicht das Wohlbefinden der Tiere, die sich auf intensiv bewirtschafteten Betrieben befinden, verbessert. Nur mehr zu wissen ändert wenig an den zugrunde liegenden Werten. Versuche, die Öffentlichkeit aufzuklären, können daher wenig dazu beitragen, die gesellschaftlichen Bedenken bezüglich des Tierwohls in landwirtschaftlichen Betrieben auszuräumen.


Erwartungen der Konsumenten vs. Verhalten der Kühe

Auch wenn Konsumenten vermehrt naturnahe Produktionssysteme fordern, muss geklärt werden, was naturnah genau bedeutet. So wurde in einer Studie der kanadischen Forschungsgruppe die Präferenz von frei gehaltenen Milchkühen für den Auslauf ins Freie gegenüber dem Verbleib im Stall im Sommer und Winter getestet. Zudem wollten die Forscher herausfinden, inwiefern die Präferenz für den Aussenzugang die Fütterung, das Liege- und Bewegungsverhalten beeinflusst. Zusammenfassend zeigte sich, dass bei Vorhandensein eines Auslaufs Kühe im Sommer den Auslauf bevorzugten, besonders in der Nacht. Im Winter hingegen verbrachten die Kühe wenig Zeit draussen.


Kritische Bewertung des angeblichen Nutzens intensiver Systeme für Gesundheit und Produktivität

Eine wichtige Rechtfertigung der Agrarlobby für die intensiveren Systeme ist, dass diese die Gesundheit und Produktivität der Nutztiere fördern. Die Belege für derartige Behauptungen sind nicht immer klar. Beispielsweise wird angenommen, dass die übliche Praxis der frühzeitigen Trennung von Kälbern und Kühen der Gesundheit von Kuh und Kalb zu Gute kommt. Die Ergebnisse einer kürzlich durchgeführten systematischen Überprüfung zeigen, dass für diese Behauptungen nur wenige Belege vorliegen. Dies Beispiel zeigt, dass die in der Landwirtschaft zur Verteidigung oder Förderung intensiver Aufzuchtpraktiken verwendeten Belege kritisch hinterfragt werden müssen.
 

Literatur

Beaver A., Ritter C., von Keyserlingk M. A. G. (2019): The dairy cattle housing dilemma. Vet. Clin. Food Anim. 35: 11-27.

Busch G., Weary D. M., Spiller A., von Keyserlingk M. A. G. (2017): American and German attitudes towards cow-calf separation on dairy farms. PLoS One. 12: e0174013.

Cardoso C. S., von Keyserlingk M. A. G., Hötzel M. J. (2019): Views of dairy farmers, agricultural advisors, and lay citizens on the ideal dairy farm. J. Dairy Sci. 102: 1811-1821.

Schuppli C. A., von Keyserlingk M. A. G., Weary D. M. (2014): Access to pasture for dairy cows: Responses from an online engagement. J. Anim. Sci. 92: 5185-5192.

Smid A. M. C., Burgers E. E. A., Weary D. M., Bokkers E. A. M, von Keyserlingk M. A. G. (2019): Dairy cow preference for access to an outdoor pack in summer and winter. J. Dairy Sci. 102: 1551-1558.

Ventura B. A., Weary D. M., Giovanetti A. S., von Keyserlingk M. A. G. (2016): Veterinary perspectives on cattle welfare challenges and solutions. J. Liv. Sci. 193: 95-102.

Von Keyserlingk M. A. G., Weary D. M. (2017): A 100-Year Review: Animal welfare in the Journal of Dairy Science – The first 100 years. J. Dairy Sci. 100: 10432-10444.

 

Dairy veterinarians’ skill in motivational interviewing is linked to enhanced veterinary herd health management consultations

Die Fähigkeiten von Tierärzten im Hinblick auf die motivierende Gesprächsführung korrelieren mit der Effektivität veterinärmedizinischer Beratungen zum Gesundheitsmanagement in Milchviehbetrieben

Svensson C., Wickström H., Emanuelson U., von Brömssen C., Betnér S., Forsberg L.

Motivierende Gesprächsführung stellt für Nutztierpraktiker ein hilfreiches methodisches Instrument dar, um die Arbeit insbesondere im Prozess der Zielvereinbarung mit dem Landwirten zu erleichtern. Eine verbesserte Kommunikations- und Methodenkompetenz im Bereich der motivierenden Gesprächsführung der Tierärzte kann sich auf die Mitwirkungsbereitschaft der Landwirte auswirken. Motivierende Gesprächsführung ist eine anerkannte Methode, die sich Nutztierpraktiker durch Training und Coachings mit Fallbeispielen aneignen können. Personen mit ausgeprägten empathischen Fähigkeiten können die motivierende Gesprächsführung leichter lernen. Dabei spielt insbesondere die Fähigkeit des Zuhörens eine bedeutende Rolle.

Die Änderung des Kundenverhaltens ist das Ziel der tierärztlichen Beratung. Die Förderung der Tiergesundheit und des Tierwohls erfordern die proaktive Einbeziehung der Landwirte (Bard et al. 2017). Die Kommunikationsfähigkeit ist von besonderer Bedeutung, um das Engagement der Tierhalter und die daraus resultierende Effektivität der Beratung zu optimieren. Es hat sich gezeigt, dass Nutztierpraktiker bei der Diskussion der Herdengesundheit und Anweisungen an den Kunden vorwiegend einen aktiven Kommunikationsstil verwenden, während der Landwirt in eine passive Rolle gedrängt wird (Bard et al. 2017). Ein derartiger Kommunikationsstil provoziert jedoch den Widerstand des Klienten gegenüber Veränderungen. Es besteht dann die Gefahr, dass Kunden die Empfehlungen des beratenden Tierarztes nicht umsetzen. Es ist deshalb entscheidend, auch bei „schwierigen Klienten“ und heiklen Themen Mitwirkungsbereitschaft zu wecken und nachhaltige Verhaltensänderungen zu bewirken.


MI zur Stärkung der Motivation für eine Veränderung

Praktiker sollen eine kundenorientierte, direktive, Evidenz-basierte Kommunikationsmethode einsetzen, die als „Motivational Interviewing (MI)“ bezeichnet wird. Der personenzentrierte Ansatz von MI kann das Gesundheitsverhalten, das die Prävention, den Verlauf, die Behandlung und die Ergebnisse einer Vielzahl von Gesundheitsproblemen beeinflusst, effektiv verändern (Miller & Moyers 2017). Dieser kollaborative Gesprächsstil zielt darauf ab, mittels Erforschung und Auflösung von Ambivalenz die intrinsische Motivation zur Umsetzung von Veränderungen zu fördern (Miller & Rollnick 2015; Miller & Moyers 2017). Gespräche müssen demnach so geführt werden können, dass die Landwirte dabei möglichst wenig Widerstand aufbauen. Dadurch setzen sich die Landwirte mit den eigenen problematischen Verhaltensweisen auseinander und entwickeln eine eigene Veränderungsbereitschaft in Verhalten, Denken und Einstellungen. Es gibt fundierte, belastbare Forschungsergebnisse, die die Wirksamkeit von MI belegen, und zwar sowohl in Zusammenhang mit der ursprünglichen Anwendung in der Beratung von Suchtkranken als auch bei vielen anderen Problemstellungen, die Verhaltensänderungen erfordern (Miller und Moyers 2017).


Grundhaltung und Basistechniken des MI-Ansatzes

Hinter der MI-Gesprächsmethodik steht eine mentale Grundhaltung, mit der dem Gesprächspartner begegnet wird. Partnerschaftlichkeit (auf gleicher Augenhöhe), Akzeptanz (Wertschätzung, Empathie, Unterstützung der Autonomie, Würdigung), Mitgefühl (am Wohl des Gegenübers interessiert) und Evokation (Erwecken von eigenen Vorstellungen) sind dabei die Kernaspekte. Nach Körkel (2012) orientiert sich die Durchführung von MI an den Komponenten Beziehungsaufbau, Fokussierung, Evokation (Förderung änderungsbezogener Äusserungen) und Planung (des Änderungsvorgehens). Die praktische Umsetzung dieser Prozesse erfolgt auf der Basis von vier Prinzipien und einer Kombination von sieben Methoden (Abb. 1). Zu den grundlegenden Fertigkeiten der Motivierenden Gesprächsführung gehört aktives Zuhören (reflektierend), offene Fragen stellen, würdigen und zusammenfassen. Im Englischen wird dies mit den OARS-Fertigkeiten abgekürzt.

Abb. 1: Komponenten des MI-Ansatzes (Körkel 2012)

Die MI-Prozessforschung legt nahe, in Äusserungen des Landwirtes pro Veränderung („Change Talk“) und verbaler Selbstverpflichtung zum Handeln („Commitment Talk“) wichtige Vorbedingungen einer tatsächlichen Verhaltensänderung zu sehen (Körkel 2012). Unter „Change Talk“ werden somit Äusserungen des Landwirtes verstanden, mit welchen diese ihre Fähigkeit, ihre Bereitschaft, ihre Gründe, ihre Wünsche und Selbstverpflichtung für eine Veränderung zum Ausdruck bringen (Miller et al. 2009). „Sustain Talk“ ist demgegenüber eine Aussage, deren Ziel die Aufrechterhaltung des Status quo ist (Abb. 2). Die Häufigkeit und der Anteil des von einem Kunden geäusserten „Change Talks“ kann als Hinweis auf die Bereitschaft für zukünftige Verhaltensänderungen angesehen werden.

Abb. 2: Aussagen („Change Talk“, „Sustain Talk“) des Gesprächspartners bringen die Motivation zur Verhaltensänderung zum Ausdruck


MI-Kenntnisse von Bestandestierärzten erzielen positive Effekte auf Bestandesberatung

Die schwedische Forschungsgruppe untersuchte in Bestandesberatungen auf 169 schwedischen Milchviehbetrieben die Effekte der MI-Kenntnisse von Bestandestierärzten auf die Ergebnisse der Bestandesberatung. Tierärzte wurden nach dem Zufallsprinzip einer MI-Trainingsgruppe (n = 18) zugeordnet. Diese Tierärzte nahmen an einem sechsmonatigen Trainingsprogramm in MI teil und führten nach diesem Training Beratungen mit dieser Methode durch. Weitere 18 Tierärzte wurden einer Kontrollgruppe (n = 18) zugeteilt, die ohne eine entsprechende Ausbildung Beratungen vornahmen. Vor den Beratungen wurden die MI-Fähigkeiten der Tierärzte anhand eines spezifischen Tests gemessen. Die Aussagen der Landwirte im Rahmen der Beratungsgespräche wurden mit einem Auswertungsprogramm ausgewertet, und die Anteile „Change Talk“ und „Sustain Talk“ berechnet. Die Auswirkungen unterschiedlicher MI-Fähigkeiten auf die Ergebnisse wurden mittels dreier multipler Regressionsmodelle untersucht. Es zeigte sich, dass der Anteil von „Change Talk“ während des Beratungsgesprächs höher war, wenn die Tierärzte die MI-Gesprächsführung beherrschten. Je besser der Tierarzt also kommuniziert und je besser die MI-Methode beherrscht wird, desto wahrscheinlicher sind positive Auswirkungen der Beratung auf das Verhalten von Landwirten.


Motivierende Gesprächsführung lernen und integrieren

Doch wie können die eigenen Gesprächsfertigkeiten konkret verbessert werden? Fundamental für MI ist neben den methodischen Komponenten die mentale Grundhaltung (partnerschaftlich, „entlockend“, Autonomie wahrend, Anteil nehmend) (Körkel 2012). Die OARS-Fertigkeiten werden dabei als Basis für die Aneignung von weiteren MI-Techniken angesehen (Miller & Moyers 2006). Zum Erwerb eines ausreichenden Masses an MI-Kompetenz bedarf es eines MI-Trainings zum Erlernen der Basistechniken, der praktischen MI-Umsetzung an Fallbeispielen und der entsprechenden MI-Coachings. Um MI als Basisintervention in Praxen zu implementieren, sind neben MI-Schulungen i.d.R. Veränderungen von Behandlungsparadigmen und Arbeitsabläufen erforderlich.


Literatur

Apodaca T.R., Longabaugh O.R. (2009): Mechanism of change in motivational interviewing: a review and preliminary evaluation of the evidence. Addiction 104:705-715.

Bard A.M., Main D.C.J., Haase A.M., Whay H.R., Roe E. J., and Reyher K.K. (2017): The future of veterinary communication: Parthership or persuasion? A qualitative investigation of veterinary communication in the pursuit of client behavior change. Plos One 12(3): e0171380.

Hagen L.G., Moyers T.B. (2012): Manual for the Client Language Easy Rating (CLEAR) Coding System: Formerly “Motivational Interviewing Skill Code (MISC) 1.1” Retrieved from http://casaa.unm.edu/download/CLEAR.pdf

Körkel J. (2012): 30 Jahre Motivational Interviewing: Eine Übersicht und Standortbestimmung. Suchttherapie 2012. 13: 108-118.

Miller W. R., Moyers T. B. (2006): Eight stages in learning motivational interviewing. J. Teach. Add. 5: 3-17.

Miller W. R., Rollnick S. (2015): Motivierende Gesprächsführung. Lambertus-Verlag. 3. Auflage: 1-481.

Miller W. R., Moyers T.B. (2017): Motivational interviewing and the clinical science of Carl Rogers, J. Consult. Clin. Psych. 85: 757–766.

Moyers, T. B., Manuel J.K., Ernst D.A. (2014): Motivational Interviewing treatment integrity coding Manual 4.2.1. Retrieved from http://casaa.unm.edu/download/MITI4_2.pdf

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