12.08.2019 - Vet’s Corner 7/2019

Vets Corner 07/19

Inwiefern kann eine motivierende Gesprächsführung von Nutztierpraktikern bei Beratungen zu einer verbesserten Herdengesundheit beitragen? Welche Anstrengungen muss die Branche hinsichtlich intensiver Tierhaltung unternehmen, um die Erwartungen der Öffentlichkeit an unsere zukünftigen Betriebe zu erfüllen? Neueste Erkenntnisse aus der internationalen Forschung finden Sie im Folgenden kurz zusammengefasst. Eine ausführliche Darstellung der Konferenzbeiträge wird ihnen am ICPD-Rückblick vom 22. August präsentiert.

Rethinking intensive animal agriculture and meeting public expectations for our future farms

Die intensive Tierhaltung überdenken und die Erwartungen der Öffentlichkeit an unsere zukünftigen Betriebe erfüllen

Von Keyserlingk M. A. G., Hötzel M. J., Weary D. M.

Einleitung Ruth Harrison veröffentlichte 1964 das Buch „Animal Machines“, das die Entwicklungen in der produktiven Landwirtschaft kritisch beleuchtete. Die Schilderungen von intensiveren Produktionssystemen wie der Käfighaltung der Hühner, den Einzelboxen der Kälber und den Kastenständen für Sauen schockierten die Leser. Eine wachsende öffentliche Bewegung thematisierte den negativen Einfluss landwirtschaftlicher Praktiken auf den Tierschutz. Nach nunmehr mehr als 50 Jahren, in denen sich die Öffentlichkeit gegen diese Praktiken gewehrt hat, sind Batteriehaltungen von Hühnern und Kastenstände für Sauen in einigen Teilen Europas verboten. In vielen Teilen der Welt ist die Verwendung solcher Systeme jedoch noch weit verbreitet. Einige in der Landwirtschaft tätige Akteure argumentieren, dass diese intensiven Systeme von Vorteil sind, zumal sie diese als Mittel zur Verbesserung der Tiergesundheit und Produktivität ansehen. Anstatt die Systeme zu ändern, sollten die in der Landwirtschaft Tätigen stattdessen versuchen, sich über deren Vorteile besser zu informieren.

Die kanadische Forschergruppe unter Leitung von Marina von Keyserlingk untersuchte, ob eine intensive Aufklärung der Öffentlichkeit über landwirtschaftliche Praktiken die Bereitschaft zur Akzeptanz dieser Systeme verbessern kann. Anschliessend wurde die Literatur kritisch dahingehend überprüft, ob intensivere Praktiken tatsächlich die Tiergesundheit und -produktivität verbessern. Es wurden Beispiele für praktische Möglichkeiten untersucht, um den Tierschutz in aktuellen Produktionssystemen für Lebensmittel zu integrieren, dadurch das Wohlbefinden der Nutztiere zu verbessern und so möglicherweise die Akzeptanz dieser Systeme in der Öffentlichkeit zu erhöhen. Abschliessend wird erörtert, inwieweit derartige Massnahmen die öffentliche Unterstützung für neue Technologien wie das Editieren von Genen beeinflussen.

Aufklärung der Öffentlichkeit Die Aufklärung der Konsumenten über den Wert des Tierschutzes kann dazu beitragen, die landwirtschaftlichen Produktionssysteme tiergerechter zu gestalten. Es gibt andererseits Hinweise, dass Öffentlichkeitsarbeit zwar das Fachwissen der Konsumenten beeinflusst, jedoch nicht das Wohlbefinden der Tiere, die sich auf intensiv bewirtschafteten Betrieben befinden, verbessert. Nur mehr zu wissen ändert wenig an den zugrunde liegenden Werten, und mehr Wissen kann zur Entwicklung neuer Anliegen führen. Versuche, die Öffentlichkeit aufzuklären, können daher wenig dazu beitragen, die gesellschaftlichen Bedenken bezüglich des Tierschutzes in landwirtschaftlichen Betrieben auszuräumen.

Kritische Bewertung des angeblichen Nutzens intensiver Systeme für Gesundheit und Produktivität Eine wichtige Rechtfertigung der Agrarlobby für die intensiveren Systeme ist, dass diese die Gesundheit und Produktivität der Nutztiere fördern. Die Belege für derartige Behauptungen sind nicht immer klar. Beispielsweise wird angenommen, dass die übliche Praxis der frühzeitigen Trennung von Kälbern und Kühen der Gesundheit von Kuh und Kalb zugute kommt. Die Ergebnisse einer kürzlich durchgeführten systematischen Überprüfung zeigen, dass für diese Behauptungen nur wenige Belege vorliegen. Dies Beispiel zeigt, dass die in der Landwirtschaft zur Verteidigung oder Förderung intensiver Aufzuchtpraktiken verwendeten Belege kritisch hinterfragt werden müssen.

Schlussfolgerung Die Aufklärung der Öffentlichkeit erhöht nicht die Akzeptanz der derzeitigen Produktionssysteme für Nutztiere, wenn die Praktiken nicht mit den öffentlich anerkannten Werten übereinstimmen. Die Arbeiten zur Ermittlung von Optionen zur stärkeren Berücksichtigung von Tierschutz und Tiergerechtheit in modernen Haltungssystemen haben begonnen. Die Unterstützung für den Einsatz von Gentechnologie in Tierproduktionssystemen nimmt zu, wenn die Anwendung zu einer geringeren Belastung der Tiere führt.

 

Dairy veterinarians skill in Motivational Interviewing is linked to enhanced veterinary herd health management consultations

Die Fähigkeiten von Tierärzten im Bereich motivationale Gesprächsführung sind mit verbesserten veterinärmedizinischen Beratungen zum Gesundheitsmanagement von Herden verbunden

Svensson C., Wickström H., Emanuelson U., von Brömssen C., Betnér S., Forsberg L.

Abb.: Modell „Motivierende Gesprächsführung“

Einleitung Die Bedeutung der Kommunikationsfähigkeit von Tierärzten wird zunehmend anerkannt. Die tierärztliche Bestandesberatung macht einen zunehmenden Anteil der Arbeit von Nutztierpraktikern aus und soll zu einer Änderung des Verhaltens der Landwirte führen. Dabei ist die Kommunikationsfähigkeit von besonderer Bedeutung, um das Engagement der Tierhalter und die daraus resultierende Effizienz der Beratung zu optimieren. Es hat sich gezeigt, dass Nutztierpraktiker bei der Diskussion der Herdengesundheit und Anweisungen an den Kunden, was zu tun ist und wie es zu tun ist, vorwiegend einen proaktiven Kommunikationsstil verwenden, während der Kunde eine passive Rolle spielt (Bard et al. 2017). Ein derartiger Kommunikationsstil provoziert jedoch eher den Widerstand des Klienten gegenüber Veränderungen. Es besteht dann die Gefahr, dass Kunden die Empfehlungen des beratenden Tierarztes nicht umsetzen.

Praktiker sollten stattdessen zunehmend eine Evidenz-basierte Methode einsetzen, die als Motivational Interviewing (MI) bezeichnet wird. MI ist eine kundenorientierte Kommunikationsmethode, mit der die intrinsische Motivation der Kunden zur Umsetzung von Veränderungen gefördert werden soll (Miller & Moyers 2017). Es gibt fundierte, belastbare Forschungsergebnisse, die die Wirksamkeit von MI belegen, und zwar sowohl in Zusammenhang mit der ursprünglichen Anwendung in der Beratung von Suchtkranken als auch bei vielen anderen Problemstellungen, die Verhaltensänderungen erfordern (Miller und Moyers 2017).

In dieser Methodik ist „Change Talk“ zunächst eine Aussage des Kunden, die die Motivation zur Verhaltensänderung zum Ausdruck bringt. „Sustain Talk“ ist demgegenüber eine Aussage, deren Ziel die Aufrechterhaltung des Status quo ist. Die Häufigkeit und der Anteil des von einem Kunden geäusserten „Change Talks“ kann als Hinweis auf die Bereitschaft für zukünftige Verhaltensänderungen angesehen werden. Ziel der Studie war es, die Effekte der MI-Kenntnisse von Bestandestierärzten auf die Ergebnisse der Bestandesberatung zu untersuchen.

Material und Methoden Bestandesberatungen auf 169 schwedischen Milchviehbetrieben wurden von den teilnehmenden Nutztierpraktikern (n = 36) aufgezeichnet. Im Rahmen einer grösseren Forschungsstudie wurden Tierärzte nach dem Zufallsprinzip einer MI-Trainingsgruppe (n = 18) zugeordnet. Diese Tierärzte nahmen an einem sechsmonatigen Trainingsprogramm in MI teil und führten nach diesem Training Beratungen mit dieser Methode durch. Weitere 18 Tierärzte wurden einer Kontrollgruppe (n = 18) zugeteilt, die ohne eine entsprechende Ausbildung Beratungen vornahmen. Vor den Beratungen wurden die MI-Fähigkeiten der Tierärzte anhand eines spezifischen Tests gemessen. Die MI-Fähigkeiten von Tierärzten wurden zu Analysezwecken als untrainiert, schlecht, beinahe mässig oder mässig (keine war besser als "mässig") eingestuft. Die Aussagen der Landwirte im Rahmen der Beratungsgespräche wurden mit einem Auswertungsprogramm („CLEAR-System, d. h. Client Language Easy Rating) ausgewertet, und die Anteile „Change Talk“ und „Sustain Talk“ wurden berechnet. Die Auswirkungen unterschiedlicher MI-Fähigkeiten auf die Ergebnisse wurden mittels dreier multipler Regressionsmodelle untersucht. Zusätzliche wurden als Variablen das Geschlecht, die Erfahrung des Tierarztes mit Bestandesberatung sowie Typ des Tierarztes und Alter, Ausbildung und Rolle des Klienten in der Auswertung berücksichtigt.

Ergebnisse Je besser die Tierärzte die MI-Gesprächsführung beherrschten, desto höher war der Anteil von „Change Talk“ während des Beratungsgesprächs. Beziehungen zwischen der MI-Qualifikation der Tierärzte und dem Anteil an „Sustain Talk“ waren nicht nachweisbar.

Schlussfolgerungen Je besser der Tierarzt kommuniziert und je besser die MI-Methode beherrscht wird, desto wahrscheinlicher sind positive Auswirkungen der Beratung auf das Verhalten von Landwirten.

 

 

zurück