19.11.2019 - Die Bäuerin: Mit Herz, Kopf und Hand für gesunde Kälber

Medienbeitrag SBLV-KGD für Antibiotika-Awareness-Woche vom 18.-22.11.19


Die Bäuerin: Mit Herz, Kopf und Hand für gesunde Kälber


Bäuerinnen sind gefragt: Insbesondere, wenn es um die Betreuung von Jungtieren geht, sind sie von zentraler Bedeutung. Kälber sind als Neugeborene weniger belastbar als erwachsene Tiere. Es erstaunt deshalb kaum, dass die Betreuungsintensität einer der wichtigsten Einflussfaktoren für die Tiergesundheit ist. Die Herausforderungen, Kälber gesund zu halten, sind mannigfach. Mit vorbeugenden Massnahmen setzen sich die Bauernfamilien und insbesondere die Bäuerinnen für die Kälber-gesundheit ein - und dies mit grossem Engagement und Erfolg.


Folgendes Beispiel soll illustrieren, wie herausfordernd gesundheitliche Probleme in der Kälberhaltung sein können: Eine Bäuerin hat ein Kalb, das zur Lebensmittelproduktion aufgezogen wird. Eines Tages bemerkt sie, dass das Kalb krank geworden ist und vermutlich an einer Lungenentzündung leidet. Sie nimmt an, dass die Gabe von Antibiotika den Zustand des Kalbes verbessern und sein Leiden vermindern kann. Sie weiss aber auch, dass diese Antibiotika ihren Weg über die Gülle in ein grösseres Ökosystem finden. Und das ist ein Problem, denn der weit verbreitete Einsatz von Antibiotika begünstigt die Entwicklung von Bakterien, die gegen Antibiotika resistent sind und ein potentielles Risiko für die menschliche Bevölkerung darstellen.


Was soll die Bäuerin tun?
Für Prof. Martin Kaske, Experte für Präventionsmedizin und Kälberhaltung vom Schweizer Kälber-gesundheitsdienst, ist dies eine wichtige Frage, die nicht ohne weiteres beantwortet werden kann. Die Unterlassung einer notwendigen Behandlung von erkranktem Vieh ist ein ernstes Tierschutzproblem. „Wenn Sie kranke Kälber haben, kann der Einsatz von Antibiotika in Abhängigkeit von der jeweiligen Diagnose nicht zuletzt im Sinne des Tierschutzes notwendig sein“, sagt Kaske. „Tiere, die dann hingegen nicht mit Antibiotika behandelt werden, tragen das Risiko einer längeren Krankheitsdauer und einer schlechteren Heilungschance“, erläutert Kaske.
Durch den Einsatz von alternativen Heilmethoden wie Komplementärmedizin lässt sich allenfalls der Antibiotikaverbrauch reduzieren.
Die Aufzucht von Jungtieren stellt für Bauernfamilien jedoch eine besondere Herausforderung dar.


Weshalb ist die Bäuerin besonders wichtig für die Kälber?
Für Tierärzte und Berater mit langjähriger Erfahrung in der Nutztierhaltung ist es eine Selbstverständlichkeit: Der Faktor „Mensch“ ist von ausschlaggebender Bedeutung für die Tiergesundheit auf einem Betrieb. Die zentralen Punkte dabei sind Empathie und Gewissenhaftigkeit. Zwar sind auch Fachkenntnisse bzgl. des richtigen Vorgehens zur Stärkung des Immunsystems oder bei Erkrankungen notwendig - doch die besten vom Tierarzt bereitgestellten Organigramme und Therapieschemata nützen nichts, wenn sie auf dem Betrieb nicht umgesetzt werden. Bereits 1980 konnte in einer Dissertation (Fink 1980) gezeigt werden, dass die Erkrankungsrate von Kälbern sowie auch die Verlustrate wesentlich niedriger waren, wenn die Partnerin des Betriebsleiters für die Kälberbetreuung zuständig war – verglichen mit Betrieben, wo sich der Landwirt selbst um die Kälber kümmerte. Grund für diesen signifikanten Unter-schied kann die grössere Geduld sein, die bei der Versorgung von lebensschwachen oder kranken Käl-bern zwingend aufgewendet werden muss. Gerade neugeborene Kälber brauchen für ihre Versorgung eine zuverlässige und aufmerksame Person. Die Geburtsüberwachung braucht zum Beispiel viel Fingerspitzengefühl und Wissen. Die frühe Verabreichung von Biestmilch ist von ausschlaggebender Bedeutung für die weitere Entwicklung. Diese Erstversorgung erfordert Geschick, Geduld und Ausdauer. Auch die ersten Lebenswochen, in denen sich das Immunsystem der Jungtiere noch in der Entwicklung befindet, sind eine sehr kritische Phase für die Kälber. Bäuerinnen bringen oft die beim Kälbertränken so wichtigen Eigenschaften wie Ruhe, Regelmässigkeit und Reinlichkeit mit. Ein gelassener, geduldiger Umgang wirkt auf die Kälber beruhigend und beugt unnötigem Stress vor. Auch die Tränkemenge ist wichtig. Erhalten die Jungtiere in regelmässigen Abständen ausreichend Milch angeboten, trinken sie langsamer. Mit diesen Faktoren ebnen die Bäuerinnen den Weg für robuste und gesunde Zucht- und Masttiere.


Abb. 1: Bäuerin Birgit Suter setzt auf gesunde Kälber für robuste erwachsene Aufzucht- und Masttiere


Was tut die Bäuerin?
Bäuerin Rita Zaugg aus Uerkheim hat auf ihrem Milchwirtschaftsbetrieb über mehrere Jahre die Betreu-ung der Kälber optimiert. „Die vermehrte Tierbeobachtung und Anpassungen im Management gingen anfangs mit einer intensiveren Betreuung einher“, stellt auch die Schwiegertochter Sandra Zaugg fest, „dadurch konnten wir aber auf unserem Betrieb die Tiergesundheit verbessern und den Antibiotikaein-satz stark reduzieren.“ Damit ist sie nicht die Einzige: Viele Bauern und Bäuerinnen sind gewillt, sich stetig zu verbessern. So ist das Tierwohl, welches von Konsumentinnen und Konsumenten gewünscht wird, auch für Bäuerin Birgit Suter aus Gränichen ein zentrales Anliegen: „Wir unternehmen alles, um Kälber möglichst robust aufzuziehen.“ Das bedarf der Beachtung verschiedener Faktoren und einem umfangreichen Wissen der Tierhalter. „So ist bei uns die frühzeitige und ausreichende Kolostrumversor-gung ein Schlüsselfaktor.“ Familie Suter hat sich für ein offenes und hohes Stallbausystem entschieden, welches den Kälbern ein angenehmes Klima ermöglicht. „Wir haben gute Erfahrungen gemacht, dem Stroh Tannäste beizufügen, insbesondere im Winter. Die ätherischen Öle verschiedener Pflanzen und die intensivere Tierbeobachtung ermöglichen die Gesundheitsförderung prophylaktisch oder bereits bei leichten Anzeichen von Krankheiten“, so Bäuerin Birgit Suter. Auf beiden Betrieben kommt Komplemen-tärmedizin zum Einsatz und der Betreuung der Kälber kommt eine spezielle Rolle zu. So gehören auf dem Betrieb der Familie Zaugg in Uerkheim etwa auch die fürsorglichen Aspekte dazu: „Wir nehmen uns täglich Zeit, die Kälber mit Liebe zu versorgen, dazu gehören auch Streicheleinheiten. Natürlich sind es Nutztiere, doch auch diese brauchen Verständnis, eine ruhige Hand und Geduld.“


Abb. 2: Drei Generationen im Einsatz für gesunde Kälber - Bäuerinnen Sandra und Rita Zaugg mit (Enkel-) Tochter Jessica


Wie würden Konsumentinnen und Konsumenten handeln?
Interessant ist auch, wenn sich Konsumentinnen und Konsumenten dieselbe Frage stellen, die zu Beginn dieses Artikels über das kranke Kalb gestellt wurde: Soll es mit Antibiotika behandelt werden oder nicht? Es ist zu vermuten, dass eine Mehrheit der Konsumentinnen und Konsumenten ebenfalls eine Behand-lung vornehmen würde, weil dies ethisch und menschlich ist. Nur ein kleiner Teil würde es vielleicht vorziehen, das Kalb sterben oder einschläfern zu lassen, anstatt es zu behandeln, um so den Antibioti-kaverbrauch zu reduzieren. Aber der Blick auf die Humanmedizin zeigt, dass oftmals keine effektiven Alternativen existieren, wenn die Krankheit (in diesem Falle eine bakterielle Lungenentzündung) bereits ausgebrochen ist.


Was würde die Tierärztin tun?
Tierärztin Rhea Baggenstos rät in diesem Fall, einen Tierarzt beizuziehen, damit kurzfristig die Gesund-heit des Kalbes sichergestellt werden kann. Dieser wird versuchen, anhand des Vorberichts und der klinischen Untersuchung eine Diagnose zu stellen. Die Therapie richtet sich nach der Diagnose. Bei bakteriell bedingten Krankheiten werden auch Antibiotika in die Therapie mit einbezogen. Sie sind oft unumgänglich, damit Tiere wieder gesund werden. Das Kalb soll so schnell wie möglich richtig behandelt werden, damit es sich besser fühlt und nicht leidet und je nach Diagnose auch keine Ansteckungsgefahr für Artgenossen darstellt. Allenfalls soll das Kalb zur Erholung und zum Schutz der Artgenossen kurzfristig abgesondert werden – genauso wie man ein fieberndes Kind nicht weiter in die Kinderkrippe bringt, sondern es seine Infektion zu Hause auskurieren lässt. Mittelfristig muss sich das Jungtier von der Krankheit richtig erholen und die Krankheit vollständig auskurieren. Eine Therapie, zum Beispiel mit Antibiotika und Entzündungshemmern, muss genügend lange und korrekt angewendet werden, damit die Ge-nesung vollständig erfolgt. In der Folge ist eine spezielle Beobachtung des Kalbes unumgänglich. Je nach Krankheit dauert es vielleicht auch einige Zeit, bis es vollständig gesund ist und wieder in die Herde integriert werden kann. Ebenfalls muss ein allfälliger Rückstand im Wachstum aufgeholt werden. Bei wiederholt auftretenden Krankheitsfällen wird zudem gemeinsam mit dem Tierarzt überlegt, ob Änderungen in der Haltung oder Fütterung den Gesundheitsstatus aller Kälber weiter verbessern können.
Die Herausforderungen für Tierhalter und Tierärzte im Umgang mit Kälbern bringt Rhea Baggenstos wie folgt auf den Punkt: „Wir dürfen nie vergessen, Kälber sind zu Beginn neugeborene Babys und nachher Kleinkinder - sie brauchen besonderen Schutz, Pflege und Beobachtung.“ Sie sind daher in den ersten Lebenswochen, aber auch während dem Umstallen besonders gefährdet zu erkranken – genauso wie Kleinkinder. Mit diversen Massnahmen kann den Kälbern der Start ins Leben und die Bewältigung von Stresssituationen erleichtert werden (z. B. Muttertierimpfung, Geburtshilfe, Kolostrumversorgung, Hal-tung, Fütterung, Impfungen etc.). „Die frei zur Verfügung stehende Menge an Milch für Kälber ist von zentraler Bedeutung für die Kälberaufzucht und die spätere Gesundheit sowie Leistung von Zucht- und Masttieren“, betont Tierärztin Baggenstos. Aber auch die besten Massnahmen nützen nichts, wenn ein krankes Tier nicht rechtzeitig erkannt wird. Seine Kälber mindestens einmal täglich mit offenen Augen zu betrachten, lohnt sich also.


Wer trägt die Verantwortung?
Eine zentrale Frage ist es, wer die Verantwortung für das Tierwohl übernimmt. Neben dem Willen und Wissen der Bäuerinnen und Bauern braucht es eben auch Tierärzte, die ausgebildet und auf dem neuesten Stand sind, und Branchenverantwortliche, die bereit sind, die Erfüllung von Auflagen hinsichtlich des Tierwohls zu gewährleisten. Wenn gewisse Standards in der Kälberhaltung eingehalten werden, die oft auch mit einem erhöhten Arbeitsaufwand für Tierbetreuung und Betriebsmanagement einhergehen, müssen diese zusätzlichen Leistungen auf dem Markt auch eine entsprechende Entschädigung erhalten. Dies stellt eine besondere Herausforderung dar, da qualitativ hochstehende Leistungen im Bereich Tier-gesundheit im Marketing schwierig zu kommunizieren sind. Konsumentinnen und Konsumenten erwar-ten gesunde Tiere. Ebenfalls stehen die Abnehmer wie Grossverteiler und Detailhändler im Fokus. Bei Tierwohlprogrammen sollen sie Tierhalterinnen und Tierhalter als gleichwertige Partner behandeln, dies vor allem auch, wenn es um die Margen geht. Oft sind sie bei Verhandlungen in der schwächeren Posi-tion, obwohl sie das Konsumgut liefern. Eine faire und korrekte Verteilung der Margen ist in jedem Fall notwendig. Schliesslich sind die Konsumentinnen und Konsumenten gefordert, beim Einkauf vermehrt auf Gütesiegel, Tierwohl, Gesundheit und Tierschutz zu achten.


Diese widersprüchlichen Interessen zu vereinen und Präventionskonzepte weiterzuentwickeln ist das, was Martin Kaske mit seinem Team im Jahr 2017 gegründeten Schweizer Kälbergesundheitsdienst (KGD) vorantreibt. Zentrale Bedeutung hat dabei die intensive Kooperation mit Bäuerinnen und Bauern, Bestandestierärzten und der Beratung - denn die Zusammenarbeit aller Beteiligten ist für die Weiterent-wicklung der Branche essentiell.

 

Hintergrundinformationen

Kälberhaltung und Tiergesundheit


Besonderheiten des Kalbes
Tiere können erkranken, auch wenn sie noch so gut gehalten werden. Insbesondere Kälber als Jung-tiere sind hochsensibel, da ihr Immunsystem während der ersten Lebenswochen erst trainiert und nachhaltig entwickelt werden muss. Kälber sind somit weniger belastbar als erwachsene Tiere – dies erklärt die höhere Wahrscheinlichkeit für Erkrankungen. Bakterielle Infektionen sind häufig lebens-gefährlich. Bereits vor der Geburt werden mit der Fütterung der Muttertiere die Grundlagen für das Kalb gelegt. Aber auch die ersten zwei Wochen sind besonders prägend für die Tiere, in dieser Zeit brauchen sie besonders viel Fürsorge und geeignete Tränke und sind äusserst empfindlich gegen-über Durchzug. Es erstaunt deshalb kaum, dass die Betreuungsintensität einer der wichtigsten Ein-flussfaktoren auf die Erkrankungs- und Abgangsrate auf einem Betrieb ist. Für eine erfolgreiche Aufzucht sind eine gute Konstitution des Jungtieres und eine hohe Abwehrbereitschaft gegenüber Krankheiten sowie gute Gesundheit in den ersten Lebenswochen von zentraler Bedeutung.


Grenzen der Prävention
Der Prävention sind natürliche Grenzen gesetzt. Die Unterschiede zwischen Kälbern hinsichtlich Ge-burtsgewicht, Vitalität nach der Geburt, Kolostrumversorgung, Resorptionsrate der Immunglobuline und genetisch bedingter Konstitution sind erheblich. Aber es gibt auch starke betriebsspezifische Faktoren, welche die Erkrankungsrate massgeblich beeinflussen. Eine Infektion mit Erregern ruft nicht automatisch eine Krankheit hervor. Die Reaktion auf eine Infektion wird wesentlich durch externe Umweltfaktoren beeinflusst. Dabei entscheidend sind das Abkalbemanagement, das Haltungssystem, die Fütterung, Reinigung und Desinfektion sowie die Betreuung der Tiere.


Wissenschaft und Betriebe zur Weiterentwicklung von Präventionskonzepten
Vorbeugen statt Heilen – dieses Prinzip wird nicht nur in der Humanmedizin stärker in den Fokus gerückt, sondern es sind auch verschiedene Aktivitäten in der Schweizer Viehwirtschaft festzustellen. Bereits 2016 wurde beispielsweise von Landwirten ein Antrag zur Etablierung eines Schweizer Kälbergesundheitsdienstes beim Bundesamt für Landwirtschaft eingereicht – und dieser wurde 2017 bewilligt. Der Verein bezweckt die Förderung der Kälbergesundheit, des Tierwohls und der wirtschaftlichen Kälberhaltung durch eine flächendeckende Unterstützung der Tierhalter und Tier-ärzte. Die Aktivitäten des Vereins haben das Ziel, Präventionskonzepte zur Optimierung der Tiergesundheit zu erarbeiten, Informationen und Weiterbildungen für Bestandestierärzte und Landwirte anzubieten und eine systematische Betreuung der Tierbestände von Geburtsbetrieben, Mastbetrieben und Mutterkuhhaltern zu etablieren. Spezifisch sollen das Betriebsmanagement, der Tier-schutz sowie Prophylaxe- und Hygienemassnahmen durch eigens initiierte Forschungsprojekte verbessert werden. Auf diese Weise soll im Sinne der Strategie zur Reduzierung von resistenten Erregern in der Nutztierhaltung die Anwendung von Antibiotika minimiert werden. Der bisherige Erfolg zeigt, dass die Produzentinnen und Produzenten durchaus willens sind, sich in diesen Bereichen wei-ter zu entwickeln und zu engagieren. Damit nehmen sie übrigens auch international eine Vorreiterrolle ein.

 

Betriebsspiegel

Chrigu, Sandra und Jessica Zaugg, Rita und Hans Zaugg, Uerkheim (AG)


Abb. 3: Familie Zaugg


Fläche: 31 ha LN, 13 ha Ackerland, 18 ha Grünland
Betriebszweige: Milchproduktion mit 26 Milchkühen, Schweinemast mit 320 Mastsauen
Produktionsform: IP Suisse

 

Birgit und Peter Suter, Gränichen (AG)


Abb. 4: Familie Suter


Fläche: 70 ha LN, 40 ha Ackerland, 30 ha Grünland
Betriebszweige:

  • bis August 2019: Milchproduktion mit 50 Milchkühen, Red Holstein
  • seit August 2019: 25 Mutterkühe mit Limousin, 40 Rinder

Produktionsform: Natura Beef


 

 

 

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